«Durch das Gewimmel von Waden, Knien und Knöcheln […] tauchten, krebsrot, verzerrt und von der Anstrengung verwildert, Gesichter auf, die Münder zu unablässigen Schreien aufgerissen; Gesichter, kopfüber hängend, fast den Boden berührend, und Hände, zu krummen Klauen verkrampft, die über die Erde scharrten. So suchten die Reiter, aus ihren Sätteln herabstürzend, nach dem Kadaver der Ziege …»

Auf der Ladefläche eines Lastwagens stehend und überwältigt von der brutalen Wucht des Ansturms der Spieler – der Tschopendoz –, schliesst Joseph Kessel plötzlich die Augen. Wir schreiben das Jahr 1956, und irgendwo in den entlegenen Regionen Afghanistans erlebt der Schriftsteller zum ersten Mal ein Bouzkachi, den Nationalsport. Aus diesem packenden Schauspiel entstehen zunächst eine Erzählung – Le Jeu du roi –, dann das Drehbuch zu einem Film – La Passe du diable, inszeniert von Jacques Dupont und Pierre Schoendoerffer und von Jean-Luc Godard freundlich als «widerlich» bezeichnet – und schliesslich einer seiner schönsten Romane: Les Cavaliers.

Ein Gewitter aus Hufen

Siebzig Jahre später hält der neuseeländische Fotograf Todd Antony in den rauen Tälern Tadschikistans dieses lebendige Fries aus Tieren und Menschen fest: wütende Zentauren, die einander den Sieg entreissen wollen. Beim Bouzkachi sind die Regeln einfach: Die Reiter treten allein oder in Teams an und müssen einen mit Sand und Wasser beschwerten Ziegenkadaver an sich bringen und in einen mit Kalk markierten Kreis tragen – den Hallal, den Kreis der Gerechtigkeit. Wer gewinnt, steigt in den Rang von Königen und Göttern auf.

In Staubgewittern und im dumpfen Donner von Hunderten Hufen auf rissigem Boden versucht auch der Fotograf, dem Chaos eine Ordnung abzuringen. «Es gibt eine Verbindung zwischen Bouzkachi und dem Fotografieren davon», sagt Todd Antony. «Die Spieler versuchen, die Ziege unter Kontrolle zu bringen, einen Augenblick mitten im absoluten Chaos zu packen. Diese Kontrolle ist flüchtig – und genau das versuche ich beim Fotografieren: in einer Umgebung, die keinerlei Kontrolle bietet, für einen Moment eine Form davon zu finden.»

Die mit Blei beschwerten Peitschen zwischen den weissen Zähnen, den Blick dunkel und glänzend, stürzen sich die Tschopendoz in das Getümmel wie einst Soldaten in imperialen Eroberungskriegen. «Meine wichtigsten Referenzen für diese Arbeit waren alte Schlachtengemälde: Napoleons sich aufbäumende Pferde, grosse Kampfszenen, durchzogen von Rauch», erklärt Todd Antony. «Ich wollte diese Bildwelt neu interpretieren und ihr eine zeitgenössische Note geben.» Vor dem von Kohlerauch verdunkelten Himmel lässt das Profil eines wiehernden Pferdes mit schwarzem, glänzendem Fell und tief ins Maul gedrücktem Metallgebiss plötzlich ein anderes Bild auftauchen: das schreiende Pferd im Zentrum von Picassos Guernica.