Auf Vanuatu: der barfüssige Vulkanologe

Phillip Yamah vor einem Vulkan auf Vanuatu
Foto: Elle Leontiev
Am Vulkan Yasur auf Vanuatu verbindet Phillip Yamah lokales Erfahrungswissen mit wissenschaftlicher Feldarbeit – festgehalten in Elle Leontievs preisgekröntem Porträt.

Lange prägten Katia und Maurice Krafft das populäre Bild des furchtlosen Vulkanologen: das französische Forscherpaar, das in Schutzanzügen bis dicht an aktive Vulkane heranging und 1991 am japanischen Unzen durch einen pyroklastischen Strom ums Leben kam. Heute erinnert eine preisgekrönte Aufnahme der australischen Fotografin Elle Leontiev an diese Bildwelt – mit einem ganz anderen Protagonisten: Phillip Yamah aus Vanuatu.

Sein Schutzanzug könnte zu einem Astronauten gehören, die Ascheebene zu einem fremden Planeten. Vor dem aktiven Yasur auf der Insel Tanna steht Yamah barfuss auf vulkanischem Boden. Er ist ohne formale wissenschaftliche Ausbildung aufgewachsen und hat sich über Jahre ein aussergewöhnliches Wissen über den Vulkan angeeignet. Für Forschende und Besucher ist er Führer, Beobachter und Vermittler lokalen Wissens. Leontiev beschreibt eine Gemeinschaft, die gelernt hat, mit Asche, Erschütterungen und der ständigen Präsenz des Vulkans zu leben.

Die Fotografin gelangte während ihres Aufenthalts per Frachtschiff nach Tanna und verbrachte mehrere Wochen in Yamahs Umfeld. Sie lernte einen gedrungenen, kräftigen Mann kennen, der selbst auf dem warmen vulkanischen Untergrund barfuss unterwegs ist – mit Schuhgrösse 54, wie Leontiev erzählt. Sein Wissen beruht sowohl auf eigener Erfahrung als auch auf dem über Generationen weitergegebenen Verständnis seiner Gemeinschaft: Er kennt Veränderungen des Yasur, beobachtet seine Aktivität und weiss, wann sich eine Annäherung verantworten lässt.

«Es stinkt, es brennt»

Yamah arbeitet mit Wissenschaftlern zusammen und unterstützt sie bei der Feldarbeit und bei Probenahmen. Revue21 berichtet von seiner Zusammenarbeit mit dem französischen Vulkanologen Thomas Boyer sowie von Einsätzen für National Geographic. Auch Schauspieler Will Smith wurde demnach auf Yamah aufmerksam und finanzierte eine Expedition mit ihm zu einem anderen Vulkan. Entscheidend ist dabei nicht die Prominenz, sondern Yamahs Rolle als Brücke zwischen wissenschaftlicher Forschung und lokalem Erfahrungswissen.

Am Tag ihrer Abreise bittet Leontiev ihn um ein letztes Porträt. Die Luft am Fuss des Yasur ist voller Asche und Schwefel; saurer Regen geht nieder. Gleichzeitig fällt der Bildschirm ihrer Kamera aus. Sie fotografiert praktisch blind und weiss nicht, ob die Aufnahme gelungen ist. Genau dieses Bild wird später bei den Sony World Photography Awards 2026 ausgezeichnet: Leontiev erhält dafür den Titel «Open Photographer of the Year».

Die Aufmerksamkeit rund um das Porträt nutzt Leontiev inzwischen auch für ein persönliches Ziel der Familie. Der französisch-kanadische Filmemacher Guillaume Beaudoin startete eine Spendenkampagne für Phillip Yamahs Sohn John; Leontiev unterstützt sie. John soll ein naturwissenschaftliches Studium ermöglicht werden – in der Hoffnung, das Wissen über die Vulkane seiner Heimat künftig auch mit einer formalen wissenschaftlichen Ausbildung weiterzuführen.

Fotocredit: Elle Leontiev