Die Mennoniten, unwissentliche Totengräber des Amazonaswaldes

Text von Valentin Hénault, Marion MolinariIllustration von Thomas Merceron
Mennonitische Siedler mit einem Bulldozer im Amazonaswald
Diese christlichen Siedler leben abgeschirmt von der modernen Welt, arbeiten hart und stellen wenige Fragen. Genau das macht ihre Gemeinschaften für Investoren attraktiv – mit Folgen für den Regenwald.

Als wir aus dem Geländewagen steigen, gerät Pieter in Panik. Den Strohhut in der Hand springt er aus dem Bulldozer, mit dem er gerade einen Kapokbaum fällt, einen der Riesen des tropischen Waldes. Hinter ihm taucht eine Schar blonder Kinder auf, barfuss, die Wangen von der Sonne gerötet. Wir stehen mitten auf einer gerodeten Lichtung, die nach der üppigen Dichte des Amazonaswaldes eine beunruhigende Leere erzeugt. Eigentlich haben wir hier nichts verloren: am Ende einer hartnäckig roten Bauxitpiste, deren Staub Autovermieter in Suriname zur Verzweiflung bringt, an der Nordküste Südamerikas, zwei Stunden vom nächsten Dorf entfernt. «You, Dutch?» fragt Pieter angespannt. Er dürfte um die vierzig sein, seine Augen sind fast durchsichtig blau. Als wir sagen, dass wir Franzosen sind, ist er ratlos. Von diesem Land hat er noch nie gehört.

Wir dagegen sind begeistert. Endlich haben wir sie gefunden: die Mennoniten.

1537 schart in den Niederlanden, mitten im Aufruhr der radikalen Reformation, ein Mann namens Menno Simons eine Gemeinschaft um sich, die im Namen eines reinen Glaubens kirchliche Hierarchien ablehnt. Seine Anhänger, die Mennoniten, breiten sich entlang des Rheintals aus. Ihr ausgeprägter Pazifismus führt dazu, dass sie bei Konflikten lieber weiterziehen, als zu kämpfen. 1693 spaltet sich die Bewegung; aus einer strengeren Richtung gehen die später bekannteren Amischen hervor.

Plautdietsch und karierte Hemden

Von Ausweisungsedikten bis zur Verweigerung des Militärdiensts im Ersten Weltkrieg prägt Flucht die Geschichte dieser christlichen Gemeinschaft. Sie führt sie in die Neue Welt – ab 1683 nach Germantown in Pennsylvania und im 20. Jahrhundert nach Südamerika, wo 1926 in Paraguay eine der ersten grossen Kolonien entsteht. Bis heute sprechen viele Gemeinschaften Plautdietsch, einen niederdeutschen Dialekt. Von Bolivien über Peru bis Mexiko umfassen mennonitische Siedlungsgebiete heute zusammen Millionen Hektaren Land; die Gesamtfläche ist mit jener der Schweiz vergleichbar. Rund 200'000 Angehörige leben in diesen besonders abgeschotteten lateinamerikanischen Kolonien.

In Suriname ist ihre Ankunft dagegen neu. In Paramaribo, der Hauptstadt des erst 1975 von den Niederlanden unabhängig gewordenen Staates zwischen Brasilien, Guyana und Französisch-Guayana, machen Geschichten die Runde. Jemand habe sie an einer Anlegestelle gesehen, jemand anderes beim Spaziergang: die Männer in schwarzer Latzhose und kariertem Hemd, die Frauen in langen dunklen Kleidern mit bedecktem Haar. Die hellhäutigen, blonden Neuankömmlinge fallen in einer Gesellschaft auf, in der Menschen kreolischer, hindustanischer und javanischer Herkunft zusammenleben. In Südamerikas kleinstem unabhängigen Staat mit rund 600'000 Einwohnerinnen und Einwohnern werden neue Gesichter schnell bemerkt.

Alles andere als unberührt

Die Kolonien selbst entstehen im Schutz des Amazonaswaldes, der rund 93 Prozent Surinames bedeckt – ein Anteil, den kaum ein anderer Staat erreicht. Seit dem Pariser Klimaabkommen verbindet die Regierung mit diesem Wald die Hoffnung auf erhebliche Einnahmen aus CO₂-Zertifikaten. Hinter der grünen Zahl steckt jedoch eine kompliziertere Realität. Illegale Goldminen hinterlassen grossflächig zerstörte Landschaften; bei der Gewinnung kommen unter anderem Quecksilber und andere giftige Stoffe zum Einsatz.

Auf Satellitenbildern sind weitere Narben im Grün zu erkennen. Hunderte helle Striche wirken wie mit Microsoft Paint gezogen; tatsächlich handelt es sich teils um informelle Landepisten. Über solche Routen gelangt Kokain aus Kolumbien in die Region und weiter Richtung Hafen von Paramaribo. Der Wald ist also nicht wirklich undurchdringlich. Er ist nur dicht genug, dass vieles, was darin geschieht, kaum kontrolliert wird. Unberührt ist er keineswegs – gerade seine Undurchsichtigkeit macht ihn attraktiv für jene, die ihn ausbeuten.

Ein tropischer Wilder Westen

Nach und nach beruhigt sich Pieter. Er fasst Vertrauen und zeigt uns die einfachen Fertigbauten, in denen seine Familie in selbstgezimmerten Holzstockbetten schläft. Das fast leere Lager besteht im Wesentlichen aus dieser Unterkunft und seinem überhitzten Bulldozer. Weil wir kein Plautdietsch können, verständigen wir uns mit rudimentärem Englisch. Immer wieder deutet Pieter mit einer weiten Geste auf die gerodete Umgebung und fragt, fast als brauche er unsere Zustimmung: «All good?» Seine Nervosität hat einen Grund. Wenige Wochen zuvor kreisten Militärhelikopter und Drohnen über dem Lager. Für die Familie klang das wie Weltuntergang.

Die Ansiedlung der Mennoniten ist in Suriname zur Staatsaffäre geworden. Präsidentin Jennifer Geerlings-Simons, 2025 gewählt, hält ihre genaue Haltung bewusst offen. Sie gehört dem National Democratic Party an, der Partei des verstorbenen Dési Bouterse, der Surinames Politik über Jahrzehnte geprägt hatte und dessen Karriere von Militärputsch, autoritärer Herrschaft und den sogenannten Dezembermorden von 1982 überschattet ist. Zwar wurde eine Kommission eingesetzt, die Aktivitäten der Mennoniten beobachten soll; Kritiker vermuten jedoch, dass Teile des Staatsapparats ihre Ansiedlung gleichzeitig fördern.

Pieter ist ein Vorposten. Er bereitet die Ankunft von ungefähr fünfzig Familien vor. Seine drei Söhne, alle in Latzhosen, helfen ihm, die Grenzen künftiger Parzellen abzustecken. Sie gehen mit Werkzeugen erstaunlich sicher um und arbeiten mit einer Ernsthaftigkeit, die anrührt. Seine Frau und Tochter Esther bleiben im Fertigbau und bereiten Essen zu. Die Szene ruft Bilder eines tropischen Wilden Westens hervor: eine ledergebundene Bibel, Wildtiere, ein paar Hühner in einem Käfig, blauäugige Kinder und ringsum die endlose Waldwand. Nachts streift ein Jaguar durch die Nähe des Camps.

Riesige Soja- und Maisfarmen

In vielen dieser konservativen Kolonien gilt moderne Technologie als moralisch problematisch – mit bemerkenswerten Ausnahmen, etwa Traktoren oder dem Ausbringen von Pestiziden aus der Luft. Pieter hat kein Telefon. Kenneth Winter, ein kreolischer Wachmann mit lässig über die Schulter gelegtem Gewehr, ist deshalb seine wichtigste Verbindung zur Aussenwelt. Winter, in dessen abgetragenem Gilet eine Flasche Rum steckt, stört unsere Anwesenheit wenig. Für ihn ist sie vor allem eine seltene Gelegenheit, ein paar Zigaretten zu ergattern.

In Südamerika breiten sich mennonitische Kolonien rasch aus. Sobald eine Siedlung an ihre Grenzen stösst – bei Familien mit oft sehr vielen Kindern geschieht das schnell –, ziehen frisch verheiratete Paare weiter. Ein gemeinschaftlicher Fonds, traditionell als Waisenamt bekannt, hilft beim Erwerb neuer Flächen. Viele Kolonien funktionieren als grosse Agrarbetriebe und setzen auf ertragreiche Kulturen wie Soja und Mais. Das bedeutet häufig grossflächige Rodung und intensiven Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Ihr Ruf lautet: Wo sie Landwirtschaft betreiben, produzieren sie – unabhängig von schwierigen Bedingungen – sehr viel.

Mit der Kettensäge

«Lasst sie arbeiten, und in einem Jahr werdet ihr die Resultate sehen», verkündet Ruud Souverein in lokalen Medien. Der niederländische Unternehmer wirbt seit Jahren über seine Firma Terra Invest für die Ansiedlung der Mennoniten in Suriname. Er beschreibt sie als unermüdliche, gläubige, bescheidene und diskrete Arbeitskräfte. Ökologische Bedenken weist er mit dem Argument zurück, auch Suriname habe ein Recht auf wirtschaftliche Entwicklung. Umweltorganisationen stellt er als europäisch beeinflusst und realitätsfern dar. Sein Schwager Lex Van Dijk, Viehhalter und Betreiber eines sehr grossen Schweinebetriebs nahe Paramaribo, hat ebenfalls ein handfestes Interesse an günstigem Mais und Soja.

Um die Mennoniten – und mit ihnen die versprochene wirtschaftliche Dynamik – ins Land zu holen, arbeitete Souverein mit dem argentinischen Geschäftsmann Adrian Barbero zusammen. Barbero ist ein begeisterter Anhänger des argentinischen Präsidenten Javier Milei und hat dessen Symbol der Kettensäge auf seine eigene Weise übernommen: nicht zum Kürzen von Staatsausgaben, sondern ganz wörtlich zum Fällen von Bäumen. Auf Instagram und TikTok präsentiert er sich Zehntausenden Followern als Mann, der Südamerika und insbesondere das Amazonasgebiet nach riesigen Flächen absucht, die sich landwirtschaftlich erschliessen lassen.

Die Geheimwaffe

Barbero bezeichnet sich selbst als «Influencer für ländliche Immobilien». In Videos vermarktet er Grundstücke von Tausenden Hektaren, als würde er eine sonnige Zweizimmerwohnung anpreisen. Er sieht sich als Pionier, der Grenzen der Landwirtschaft verschiebt. Sein Credo lautet: investieren, «wo niemand hinschaut». Nur müssen solche abgelegenen und oft unwirtlichen Räume auch besiedelt und bewirtschaftet werden. Dafür, so seine Logik, gibt es eine ideale Arbeitskraft: Mennoniten. Sie ziehen an Orte, an die andere nicht gehen würden; ihr genügsamer Lebensstil und ihr Arbeitsethos machen sie für solche Projekte besonders attraktiv.

Das ab 2022 vorbereitete Projekt sah zeitweise vor, langfristig bis zu 90'000 Hektaren zu erwerben – fast ein Prozent der Fläche Surinames. Ein hyperaktiver argentinischer Landvermittler, eine Regierung auf der Suche nach Wachstum jenseits von Gold und Offshore-Öl, niederländische Viehhalter im Hintergrund und mennonitische Familien, die aus Mexiko und Belize aufbrechen sollten: Das Ensemble schien vollständig.

Nur hatte niemand ausreichend mit den indigenen und maroonischen Gemeinschaften gerechnet. Wie viele Projekte mit kolonialer Logik behandelte der Plan die Landschaft, als wäre sie geschichtslos und leer. Doch die vorgesehenen Flächen liegen auf traditionellen Territorien mehrerer Gemeinschaften. Der ehemalige surinamische Abgeordnete Hugo Jabini hat die Politik verlassen, weil man sich dort, wie er sagt, zu leicht kompromittiere. Er gehört zu den Saramaka, Nachfahren versklavter Menschen, die aus niederländischen Plantagen flohen und im Wald freie Gesellschaften gründeten. Für ihn sind intensive Agrarprojekte eine direkte Bedrohung.

«Die indigenen Gemeinschaften wollen die Mennoniten nicht. Wir wollen unsere eigene Landwirtschaft entwickeln.»

Big Chief, Kapitän einer arawakischen Gemeinschaft

Der Wald, erklärt Jabini, ist die zentrale Lebensgrundlage der Saramaka. Sie betreiben Wanderfeldbau, nutzen Pflanzen als Medizin, bauen aus Holz Boote und Häuser und beziehen Nahrung und Material aus einem Ökosystem, das sie erhalten müssen, wenn sie langfristig davon leben wollen. 2009 erhielt Jabini den Goldman Environmental Prize, nachdem er an einem wegweisenden Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte mitgewirkt hatte, das kollektive Rechte der Saramaka an Ressourcen auf ihrem traditionellen Gebiet stärkte. «Der Wald, das sind wir», sagt er.

Ähnlich spricht Big Chief, ein Arawak, der gleichzeitig Holzfäller und traditioneller Dorfvertreter ist. Wenige Kilometer von seinem Dorf Apoera im Westen Surinames ist eine mennonitische Siedlung geplant. «Wir haben persönlich nichts gegen sie», sagt er, «aber wir wollen unsere eigene Landwirtschaft entwickeln.» Seine Wut richtet sich vor allem gegen politische Eliten, die er verdächtigt, Land und Ressourcen an die Meistbietenden zu vergeben. Er erinnert an Unruhen im Mai 2023 im Dorf Pikin Saron im Zusammenhang mit Landkonflikten und dem Bergbauunternehmen Grassalco; bei den Auseinandersetzungen starben zwei Demonstranten durch Polizeigewalt. Big Chief trägt T-Shirt und Turnschuhe, gesteht eine Schwäche für Fast Food und Zigaretten und will mit Letzteren aufhören. Für ihn kann «Verwestlichung» zugleich Selbstzerstörung bedeuten. «Wie sollen wir kämpfen, wenn wir geschwächt sind?»

Alte Computer und Mücken

Der Widerstand indigener Gruppen trug 2024 dazu bei, dass das Parlament eine Vereinbarung mit Terra Invest ablehnte. Das Projekt war damit jedoch nicht beendet. Es kehrte in veränderter Form zurück. Souverein und Barbero rückten öffentlich in den Hintergrund, Terra Invest wurde zu Braganza, das Logo leicht angepasst und die Ambition zunächst verkleinert: Ein Pilotprojekt von rund 34'000 Hektaren wartete auf die Zustimmung der Umweltbehörden.

Der Umweltberater Bert Schreuders und Braganza-Direktor Lionel Blokland empfangen uns in einem Büro in Paramaribo. Im heissen Open Space stehen alte Tower-PCs, Mücken dringen durch die Lüftung. Es fällt schwer, sich hier eine landwirtschaftliche Revolution vorzustellen. Nach kritischen Artikeln in der lokalen Presse sind beide misstrauisch geworden; vor dem Treffen wollten sie lange Fragenlisten und genaue Angaben über unsere beruflichen Hintergründe. Umso überraschender ist die informelle Begegnung: kurze Hosen, gegenseitige Gereiztheit, dauerndes Ins-Wort-Fallen.

Defensiv erklären sie, die aktuelle Ansiedlung betreffe nur bereits degradierten Wald. Indigene und maroonische Gemeinden würden durch Arbeitsplätze profitieren und warteten, anders als wir gehört hätten, geradezu auf die Mennoniten. Als lokale Unterstützung präsentieren sie einen traditionellen Kwinti-Vertreter, Captain Souvenir. Die Kwinti sind wie die Saramaka Maroons, also Nachfahren geflohener versklavter Menschen, allerdings eine kleinere und institutionell schwächer organisierte Gemeinschaft. Ihre Dörfer liegen einige Dutzend Kilometer von den geplanten Kolonien entfernt.

«Wo sich Mennoniten niederlassen, breiten sie sich exponentiell aus.»

Erlan Sleur, surinamischer Umweltaktivist

Captain Souvenir kommt zu spät, klopft an die Glastür und tritt ausser Atem ein. Er trägt ein auffälliges, buntes Gewand, das auf den ersten Blick traditionell wirkt. Auf Nachfrage erklärt er, er habe es selbst genäht, weil er schöne Dinge möge. An seinem Schlüsselbund hängt ein riesiger Pikachu. Schreuders und Blokland wirken plötzlich angespannt. Souvenir erzählt, die Mennoniten seien bei den Kwinti sehr beliebt, ihre Kinder «sehr charismatisch», und er habe ihren Arbeitseifer bereits selbst gesehen. Sind sie also doch schon da? Blokland beendet das Thema sichtbar unwohl. Von anderen Gesprächspartnern hören wir später schwere Vorwürfe gegen Souvenir; seine tatsächliche Legitimation innerhalb der Gemeinschaft ist umstritten. Solche Anschuldigungen lassen sich nicht aus einem einzigen Gespräch abschliessend beurteilen, zeigen aber, wie konfliktreich die lokale Repräsentation geworden ist.

Man könnte meinen, ein paar Dutzend Familien seien angesichts der grossen Probleme Surinames kaum der Rede wert. Der Umweltaktivist Erlan Sleur widerspricht. Wo Mennoniten siedelten, sagt er, folge oft dasselbe Muster: neue Strassen, grossflächige Rodung, intensive Landwirtschaft und rasches Wachstum der Kolonien. In Bolivien hat er sich solche Siedlungen selbst angesehen. Dort wurden in den vergangenen Jahrzehnten Hunderttausende Hektaren Wald gerodet; einige Regionen kämpfen inzwischen zusätzlich mit massiver Trockenheit. Entwaldung ist nicht der einzige Faktor solcher Dürren, kann regionale Wasser- und Niederschlagskreisläufe aber erheblich verschärfen.

Armut und Unwissen

Am Ende der Piste zeigt Pieter auf den wolkenverhangenen Himmel über den Baumkronen. Suriname sei ein gesegnetes Land, sagt er: «Hier regnet es!» In Bolivien sei die Erde hart und brüchig geworden wie zermahlenes Glas. Er reicht mir einen abgerissenen Zettel, damit ich Kenneth Winters Telefonnummer notiere. Dann nimmt er ihn wieder zurück und bittet mich, die Nummer lieber auf den Arm zu schreiben. Er braucht das Papier noch. Es ist knapp.

In diesem Moment wirken die Mennoniten plötzlich weniger wie Eroberer als wie entwurzelte Arbeiter. Die Kinder haben rissige Lippen und besuchen hier keine reguläre Schule. Die sichtbare Armut steht in starkem Kontrast zu den gemeinschaftlichen Finanzstrukturen, mit denen andernorts Tausende Hektaren Land gekauft werden können. Genau dieser Widerspruch macht die Geschichte so schwer zu fassen.

Religiöse Autoritäten lehren viele Mitglieder, die moderne Welt sei moralisch gefährlich und müsse möglichst auf Distanz gehalten werden. Gleichzeitig sind diese Gemeinschaften Teil einer hochkapitalistischen Extraktionslogik: produktivitätsorientierte Landwirtschaft, Maschinen, internationaler Landkauf, kommerzielle Lieferketten. Sie stehen also keineswegs ausserhalb der modernen Welt. Im Zeitalter permanenter Vernetzung leben einzelne Familien jedoch in einer beinahe unwirklichen Informationsarmut – und können dadurch besonders abhängig von Vermittlern, Investoren und religiösen Autoritäten werden.

Die Mennonite World Conference, die nach eigenen Angaben rund zwei Millionen Gläubige in zahlreichen Ländern vertritt, weist darauf hin, dass solche abgeschotteten Kolonien trotz gemeinsamer historischer Wurzeln oft nicht eng an die internationalen mennonitischen Organisationen angebunden sind. Über ihre internen Entscheidungen und Machtstrukturen bleibt deshalb vieles schwer zugänglich.

«Sie arbeiten hart»

Von Braganza weiss Pieter nichts, nicht einmal den Namen. Die drei Silben sagen ihm überhaupt nichts. Er erinnert sich nur an einen Mann mit sehr grossem Bauch, der vielleicht Lionel heisse. Im gepolsterten Bürostuhl lacht Lionel Blokland später und sagt: «Sie arbeiten hart, sieben Tage die Woche.» Auffällig ist, wie über «die Mennoniten» gesprochen wird. Fast nie fällt der Name einer konkreten Person. Die Gemeinschaft erscheint als abstrakte, verfügbare Arbeitskraft – beinahe wie eine Kolonie von Ameisen.

Während Investoren und Vermittler ihre Expansion planen, geht die Rodung weiter. Der riesige Kapokbaum kippt mit einem Geräusch zu Boden, das an ein kleines Erdbeben erinnert. Pieter sitzt am Steuer seines Bulldozers. Vom Klimawandel, sagt er, habe er noch nie gehört.