Mennoniten in Suriname: Wie Agrarsiedlungen den Amazonaswald unter Druck setzen

Text von Valentin Hénault, Marion MolinariIllustration von Thomas Merceron
Mennonitische Siedler mit einem Bulldozer im Amazonaswald
In Suriname treffen konservative mennonitische Siedler, Agrarinvestoren, Waldschutz und traditionelle Landrechte aufeinander. Eine Reportage über Arbeit, Abhängigkeit und umstrittene Grossprojekte.

Als wir aus dem Geländewagen steigen, gerät Pieter in Panik. Den Strohhut in der Hand springt er aus dem Bulldozer, mit dem er gerade einen Kapokbaum fällt, einen der Riesen des tropischen Waldes. Hinter ihm taucht eine Schar blonder Kinder auf, barfuss, die Wangen von der Sonne gerötet. Wir stehen mitten auf einer gerodeten Lichtung, die nach der üppigen Dichte des Amazonaswaldes eine beunruhigende Leere erzeugt. Eigentlich haben wir hier nichts verloren: am Ende einer hartnäckig roten Bauxitpiste, deren Staub Autovermieter in Suriname zur Verzweiflung bringt, an der Nordküste Südamerikas, zwei Stunden vom nächsten Dorf entfernt. «You, Dutch?» fragt Pieter angespannt. Er dürfte um die vierzig sein, seine Augen sind fast durchsichtig blau. Als wir sagen, dass wir Franzosen sind, ist er ratlos. Von diesem Land hat er noch nie gehört.

Wir dagegen sind begeistert. Endlich haben wir sie gefunden: die Mennoniten.

Die Geschichte der Mennoniten beginnt in der Täuferbewegung der Reformationszeit. Menno Simons, ein friesischer katholischer Priester, brach 1536 mit der römisch-katholischen Kirche und schloss sich pazifistisch orientierten Täufern an; ab 1537 wirkte er als Prediger und Ältester. Sein Name wurde später zur Bezeichnung der Mennoniten. Verfolgung und die Ablehnung des Militärdiensts prägten viele Gemeinschaften über Jahrhunderte. 1693 führte ein Konflikt um Gemeindedisziplin unter Jakob Ammann zur Abspaltung jener Gruppen, aus denen die Amischen hervorgingen.

Plautdietsch und karierte Hemden

Migration gehört deshalb zu ihrer Geschichte: Mennonitische Gruppen siedelten unter anderem in Nordamerika, Russland und später in Lateinamerika. Eine 2020 veröffentlichte wissenschaftliche Bestandsaufnahme zählte in Lateinamerika 214 Kolonien mit zusammen rund 3,9 Millionen Hektaren Fläche; zusätzlich existieren weitere mennonitische Landbesitze ausserhalb solcher Kolonien. Die Gemeinschaften unterscheiden sich stark voneinander. Besonders konservative «Old Colony»-Gruppen bewahren häufig Plautdietsch, traditionelle Kleidung, eigene Schulen und strenge Regeln zum Umgang mit moderner Technik.

In Suriname ist ihre Ankunft dagegen neu. In Paramaribo, der Hauptstadt des 1975 von den Niederlanden unabhängig gewordenen Staates zwischen Brasilien, Guyana und Französisch-Guayana, machen Geschichten über die Neuankömmlinge die Runde. Männer in schwarzer Latzhose und kariertem Hemd, Frauen in langen dunklen Kleidern und mit bedecktem Haar fallen in der ethnisch vielfältigen Gesellschaft sichtbar auf. Suriname ist der kleinste unabhängige Staat Südamerikas; nach den jüngsten Weltbankdaten lebten 2025 rund 639'850 Menschen im Land.

Alles andere als unberührt

Die Kolonien selbst entstehen im Innern eines aussergewöhnlich waldreichen Landes. Nach den jüngsten verfügbaren Weltbankdaten waren 2023 rund 94,4 Prozent der Landfläche Surinames bewaldet. Der Wald ist zugleich Lebensraum, wirtschaftliche Ressource und Klimakapital. Illegale Goldminen hinterlassen grossflächig zerstörte Landschaften; beim Goldabbau werden unter anderem Quecksilber und andere Schadstoffe eingesetzt. Neue grossflächige Agrarprojekte treffen deshalb auf eine ohnehin konfliktbeladene Debatte über Landrechte, Rohstoffe und Waldschutz.

Auf Satellitenbildern sind weitere Narben im Grün zu erkennen. Hunderte helle Striche wirken wie mit Microsoft Paint gezogen; tatsächlich handelt es sich teils um informelle Landepisten. Über solche Routen gelangt Kokain aus Kolumbien in die Region und weiter Richtung Hafen von Paramaribo. Der Wald ist also nicht wirklich undurchdringlich. Er ist nur dicht genug, dass vieles, was darin geschieht, kaum kontrolliert wird. Unberührt ist er keineswegs – gerade seine Undurchsichtigkeit macht ihn attraktiv für jene, die ihn ausbeuten.

Ein tropischer Wilder Westen

Nach und nach beruhigt sich Pieter. Er fasst Vertrauen und zeigt uns die einfachen Fertigbauten, in denen seine Familie in selbstgezimmerten Holzstockbetten schläft. Das fast leere Lager besteht im Wesentlichen aus dieser Unterkunft und seinem überhitzten Bulldozer. Weil wir kein Plautdietsch können, verständigen wir uns mit rudimentärem Englisch. Immer wieder deutet Pieter mit einer weiten Geste auf die gerodete Umgebung und fragt, fast als brauche er unsere Zustimmung: «All good?» Seine Nervosität hat einen Grund. Wenige Wochen zuvor kreisten Militärhelikopter und Drohnen über dem Lager. Für die Familie klang das wie Weltuntergang.

Die Ansiedlung der Mennoniten ist in Suriname zur Staatsaffäre geworden. Jennifer Geerlings-Simons wurde am 16. Juli 2025 als erste Frau zur Präsidentin des Landes vereidigt. Sie gehört der National Democratic Party (NDP) an, die von Dési Bouterse gegründet wurde. Seine politische Karriere war von Militärherrschaft und den sogenannten Dezembermorden von 1982 überschattet. Die heutige Regierung hat Landrechte, Landwirtschaft und wirtschaftliche Diversifizierung zu wichtigen Themen erklärt; zugleich wird öffentlich darüber gestritten, welche Vereinbarungen frühere und heutige Behörden mit Projektentwicklern rund um die mennonitische Ansiedlung geschlossen haben.

Pieter ist ein Vorposten. Er bereitet die Ankunft von ungefähr fünfzig Familien vor. Seine drei Söhne, alle in Latzhosen, helfen ihm, die Grenzen künftiger Parzellen abzustecken. Sie gehen mit Werkzeugen erstaunlich sicher um und arbeiten mit einer Ernsthaftigkeit, die anrührt. Seine Frau und Tochter Esther bleiben im Fertigbau und bereiten Essen zu. Die Szene ruft Bilder eines tropischen Wilden Westens hervor: eine ledergebundene Bibel, Wildtiere, ein paar Hühner in einem Käfig, blauäugige Kinder und ringsum die endlose Waldwand. Nachts streift ein Jaguar durch die Nähe des Camps.

Riesige Soja- und Maisfarmen

Die Regeln zum Umgang mit Technik unterscheiden sich zwischen mennonitischen Gemeinschaften stark. In besonders konservativen Old-Colony-Gruppen können private Telefone, Internet oder bestimmte Fahrzeuge eingeschränkt sein, während landwirtschaftliche Maschinen erlaubt sind. Pieter hat kein Telefon. Kenneth Winter, ein kreolischer Wachmann, ist deshalb eine wichtige Verbindung zur Aussenwelt. Die Szene zeigt einen zentralen Widerspruch: kulturelle Distanz zu Teilen der modernen Konsumwelt und gleichzeitig hochmechanisierte Landwirtschaft.

In Lateinamerika sind mennonitische Kolonien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewachsen. Hohe Geburtenraten in manchen konservativen Gemeinschaften und knapper werdendes Land können neue Siedlungsgründungen begünstigen. Gemeinschaftliche Finanzstrukturen – historisch etwa das «Waisenamt» zur Verwaltung und Absicherung von Vermögen – erleichtern in einigen Kolonien Landkäufe. Viele Betriebe setzen auf mechanisierte Produktion von Soja, Mais und anderen Marktfrüchten. Wo dafür Wald gerodet wird, entstehen erhebliche ökologische Konflikte; daraus folgt jedoch nicht, dass alle Mennoniten dieselbe Wirtschaftsweise verfolgen.

Mit der Kettensäge

«Lasst sie arbeiten, und in einem Jahr werdet ihr die Resultate sehen», verkündet Ruud Souverein in lokalen Medien. Der niederländische Unternehmer wirbt seit Jahren über seine Firma Terra Invest für die Ansiedlung der Mennoniten in Suriname. Er beschreibt sie als unermüdliche, gläubige, bescheidene und diskrete Arbeitskräfte. Ökologische Bedenken weist er mit dem Argument zurück, auch Suriname habe ein Recht auf wirtschaftliche Entwicklung. Umweltorganisationen stellt er als europäisch beeinflusst und realitätsfern dar. Sein Schwager Lex Van Dijk, Viehhalter und Betreiber eines sehr grossen Schweinebetriebs nahe Paramaribo, hat ebenfalls ein handfestes Interesse an günstigem Mais und Soja.

Um die Mennoniten – und mit ihnen die versprochene wirtschaftliche Dynamik – ins Land zu holen, arbeitete Souverein mit dem argentinischen Geschäftsmann Adrian Barbero zusammen. Barbero ist ein begeisterter Anhänger des argentinischen Präsidenten Javier Milei und hat dessen Symbol der Kettensäge auf seine eigene Weise übernommen: nicht zum Kürzen von Staatsausgaben, sondern ganz wörtlich zum Fällen von Bäumen. Auf Instagram und TikTok präsentiert er sich Zehntausenden Followern als Mann, der Südamerika und insbesondere das Amazonasgebiet nach riesigen Flächen absucht, die sich landwirtschaftlich erschliessen lassen.

Die Geheimwaffe

Barbero bezeichnet sich selbst als «Influencer für ländliche Immobilien». In Videos vermarktet er Grundstücke von Tausenden Hektaren, als würde er eine sonnige Zweizimmerwohnung anpreisen. Er sieht sich als Pionier, der Grenzen der Landwirtschaft verschiebt. Sein Credo lautet: investieren, «wo niemand hinschaut». Nur müssen solche abgelegenen und oft unwirtlichen Räume auch besiedelt und bewirtschaftet werden. Dafür, so seine Logik, gibt es eine ideale Arbeitskraft: Mennoniten. Sie ziehen an Orte, an die andere nicht gehen würden; ihr genügsamer Lebensstil und ihr Arbeitsethos machen sie für solche Projekte besonders attraktiv.

Das ab 2022 vorbereitete Projekt war zeitweise wesentlich grösser gedacht: In der öffentlichen Debatte war von bis zu 90'000 Hektaren die Rede. Das entspräche grob sechs Promille der Landfläche Surinames – immer noch eine sehr grosse zusammenhängende Agrarfläche. Später wurde der öffentlich bekannte Umfang deutlich reduziert. Investoren versprachen Wachstum und weniger Abhängigkeit von Gold und Offshore-Öl; Kritiker warnten vor Entwaldung und Konflikten um traditionelle Landrechte.

Nur hatte niemand ausreichend mit den indigenen und maroonischen Gemeinschaften gerechnet. Wie viele Projekte mit kolonialer Logik behandelte der Plan die Landschaft, als wäre sie geschichtslos und leer. Doch die vorgesehenen Flächen liegen auf traditionellen Territorien mehrerer Gemeinschaften. Der ehemalige surinamische Abgeordnete Hugo Jabini hat die Politik verlassen, weil man sich dort, wie er sagt, zu leicht kompromittiere. Er gehört zu den Saramaka, Nachfahren versklavter Menschen, die aus niederländischen Plantagen flohen und im Wald freie Gesellschaften gründeten. Für ihn sind intensive Agrarprojekte eine direkte Bedrohung.

«Die indigenen Gemeinschaften wollen die Mennoniten nicht. Wir wollen unsere eigene Landwirtschaft entwickeln.»

Big Chief, Kapitän einer arawakischen Gemeinschaft

Der Wald, erklärt Jabini, ist die zentrale Lebensgrundlage der Saramaka. Sie betreiben Wanderfeldbau, nutzen Pflanzen als Medizin, bauen aus Holz Boote und Häuser und beziehen Nahrung und Material aus einem Ökosystem, das sie erhalten müssen, wenn sie langfristig davon leben wollen. 2009 erhielt Jabini den Goldman Environmental Prize, nachdem er an einem wegweisenden Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte mitgewirkt hatte, das kollektive Rechte der Saramaka an Ressourcen auf ihrem traditionellen Gebiet stärkte. «Der Wald, das sind wir», sagt er.

Ähnlich spricht Big Chief, ein Arawak, der gleichzeitig Holzfäller und traditioneller Dorfvertreter ist. Wenige Kilometer von seinem Dorf Apoera im Westen Surinames ist eine mennonitische Siedlung geplant. «Wir haben persönlich nichts gegen sie», sagt er, «aber wir wollen unsere eigene Landwirtschaft entwickeln.» Seine Wut richtet sich vor allem gegen politische Eliten, die er verdächtigt, Land und Ressourcen an die Meistbietenden zu vergeben. Er erinnert an Unruhen im Mai 2023 im Dorf Pikin Saron im Zusammenhang mit Landkonflikten und dem Bergbauunternehmen Grassalco; bei den Auseinandersetzungen starben zwei Demonstranten durch Polizeigewalt. Big Chief trägt T-Shirt und Turnschuhe, gesteht eine Schwäche für Fast Food und Zigaretten und will mit Letzteren aufhören. Für ihn kann «Verwestlichung» zugleich Selbstzerstörung bedeuten. «Wie sollen wir kämpfen, wenn wir geschwächt sind?»

Alte Computer und Mücken

Nach politischem und gesellschaftlichem Widerstand wurde das frühere mennonitische Pilotvorhaben gestoppt. Die Geschichte endete damit nicht. Anfang 2026 gab es einen neuen Anlauf für grossflächige Agrarprojekte; im August verschärfte die Regierung von Präsidentin Jennifer Geerlings-Simons dann ihren Kurs gegen illegale Rodungen und Siedlungen im Landesinnern. Sie verlangte zudem, frühere Übertragungen von mehreren hunderttausend Hektaren Waldfläche an das Landwirtschaftsministerium zu überprüfen beziehungsweise rückgängig zu machen. Anfang September erklärte Landwirtschaftsminister Mike Noersalim, sein Ministerium habe keine separate Vereinbarung direkt mit «den Mennoniten» geschlossen; er bestätigte jedoch Absprachen mit der Braganza Marketing Group über Agrarflächen. Braganza wiederum beruft sich auf Nutzungsrechte für insgesamt 34'185 Hektaren in Tibiti und Kabalebo. Der Stand einzelner Vereinbarungen und Genehmigungen ist nicht in allen Punkten unabhängig bestätigt; grossflächige Projekte benötigen Umweltprüfungen und dürfen nach Regierungsangaben keinen Primärwald betreffen. Der rechtliche und politische Status bleibt deshalb umstritten.

Der Umweltberater Bert Schreuders und Braganza-Direktor Lionel Blokland empfangen uns in einem Büro in Paramaribo. Im heissen Open Space stehen alte Tower-PCs, Mücken dringen durch die Lüftung. Es fällt schwer, sich hier eine landwirtschaftliche Revolution vorzustellen. Nach kritischen Artikeln in der lokalen Presse sind beide misstrauisch geworden; vor dem Treffen wollten sie lange Fragenlisten und genaue Angaben über unsere beruflichen Hintergründe. Umso überraschender ist die informelle Begegnung: kurze Hosen, gegenseitige Gereiztheit, dauerndes Ins-Wort-Fallen.

Schreuders und Blokland erklären, die geplante landwirtschaftliche Nutzung betreffe vor allem bereits beeinträchtigte Flächen und werde Arbeitsplätze schaffen. Diese Darstellung ist Teil der Position des Projektentwicklers; Umweltaktivisten und Vertreter indigener beziehungsweise maroonischer Gemeinschaften widersprechen ihr. Gerade weil Karten, Landrechte, Umweltprüfungen und Vertretungsansprüche umstritten sind, lässt sich die Frage, wer dem Projekt tatsächlich zugestimmt hat, nicht aus Aussagen einer einzigen Seite beantworten.

«Wo sich Mennoniten niederlassen, breiten sie sich exponentiell aus.»

Erlan Sleur, surinamischer Umweltaktivist

Captain Souvenir kommt zu spät, klopft an die Glastür und tritt ausser Atem ein. Er trägt ein auffälliges, buntes Gewand, das auf den ersten Blick traditionell wirkt. Auf Nachfrage erklärt er, er habe es selbst genäht, weil er schöne Dinge möge. An seinem Schlüsselbund hängt ein riesiger Pikachu. Schreuders und Blokland wirken plötzlich angespannt. Souvenir erzählt, die Mennoniten seien bei den Kwinti sehr beliebt, ihre Kinder «sehr charismatisch», und er habe ihren Arbeitseifer bereits selbst gesehen. Sind sie also doch schon da? Blokland beendet das Thema sichtbar unwohl. Von anderen Gesprächspartnern hören wir später schwere Vorwürfe gegen Souvenir; seine tatsächliche Legitimation innerhalb der Gemeinschaft ist umstritten. Solche Anschuldigungen lassen sich nicht aus einem einzigen Gespräch abschliessend beurteilen, zeigen aber, wie konfliktreich die lokale Repräsentation geworden ist.

Man könnte meinen, einige Dutzend Familien seien angesichts der grossen Probleme Surinames kaum der Rede wert. Der Umweltaktivist Erlan Sleur widerspricht. Er verweist auf Erfahrungen aus anderen lateinamerikanischen Ländern, in denen neue Kolonien mit Strassenbau, Rodung und intensiver Landwirtschaft einhergingen. Wissenschaftliche Untersuchungen dokumentieren tatsächlich eine starke räumliche Ausbreitung mennonitischer Agrarkolonien in Lateinamerika. Wie viel Entwaldung ihnen jeweils direkt zugerechnet werden kann und wie stark daraus lokale Trockenheit entsteht, muss jedoch regionsbezogen untersucht werden; Dürren haben mehrere Ursachen.

Armut und Unwissen

Am Ende der Piste zeigt Pieter auf den wolkenverhangenen Himmel über den Baumkronen. Suriname sei ein gesegnetes Land, sagt er: «Hier regnet es!» In Bolivien sei die Erde hart und brüchig geworden wie zermahlenes Glas. Er reicht mir einen abgerissenen Zettel, damit ich Kenneth Winters Telefonnummer notiere. Dann nimmt er ihn wieder zurück und bittet mich, die Nummer lieber auf den Arm zu schreiben. Er braucht das Papier noch. Es ist knapp.

In diesem Moment wirken die Mennoniten plötzlich weniger wie Eroberer als wie entwurzelte Arbeiter. Die Kinder haben rissige Lippen und besuchen hier keine reguläre Schule. Die sichtbare Armut steht in starkem Kontrast zu den gemeinschaftlichen Finanzstrukturen, mit denen andernorts Tausende Hektaren Land gekauft werden können. Genau dieser Widerspruch macht die Geschichte so schwer zu fassen.

Religiöse Autoritäten lehren viele Mitglieder, die moderne Welt sei moralisch gefährlich und müsse möglichst auf Distanz gehalten werden. Gleichzeitig sind diese Gemeinschaften Teil einer hochkapitalistischen Extraktionslogik: produktivitätsorientierte Landwirtschaft, Maschinen, internationaler Landkauf, kommerzielle Lieferketten. Sie stehen also keineswegs ausserhalb der modernen Welt. Im Zeitalter permanenter Vernetzung leben einzelne Familien jedoch in einer beinahe unwirklichen Informationsarmut – und können dadurch besonders abhängig von Vermittlern, Investoren und religiösen Autoritäten werden.

Die Mennonite World Conference (MWC) unterscheidet zwischen der weltweiten täuferisch-mennonitischen Glaubensfamilie und ihrer eigenen Mitgliedschaft. Nach ihrer Statistik umfasst die grössere Glaubensfamilie rund 2,03 Millionen getaufte Gläubige in 87 Ländern; der MWC selbst gehören rund 1,44 Millionen Getaufte in 61 Ländern an. Besonders abgeschottete Old-Colony-Gemeinschaften sind häufig nur lose oder gar nicht in diese internationalen Verbände eingebunden. Deshalb lassen sich Aussagen der MWC nicht automatisch auf jede Kolonie übertragen – und umgekehrt die Praxis einzelner Kolonien nicht auf «die Mennoniten» insgesamt.

«Sie arbeiten hart»

Von Braganza weiss Pieter nichts, nicht einmal den Namen. Die drei Silben sagen ihm überhaupt nichts. Er erinnert sich nur an einen Mann mit sehr grossem Bauch, der vielleicht Lionel heisse. Im gepolsterten Bürostuhl lacht Lionel Blokland später und sagt: «Sie arbeiten hart, sieben Tage die Woche.» Auffällig ist, wie über «die Mennoniten» gesprochen wird. Fast nie fällt der Name einer konkreten Person. Die Gemeinschaft erscheint als abstrakte, verfügbare Arbeitskraft – beinahe wie eine Kolonie von Ameisen.

Während Investoren und Vermittler ihre Expansion planen, geht die Rodung weiter. Der riesige Kapokbaum kippt mit einem Geräusch zu Boden, das an ein kleines Erdbeben erinnert. Pieter sitzt am Steuer seines Bulldozers. Vom Klimawandel, sagt er, habe er noch nie gehört.