Nacheinander ziehen an mir vorbei: junge Mütter mit Kindern und Kinderwagen; Soldaten auf Urlaub – einige von ihnen amputiert –, die mit ihren Partnerinnen für ein paar Stunden Abstand vom Krieg suchen; drei gut gelaunte Nonnen hinter halb getönten Sonnenbrillen; und Gruppen punkig gekleideter Jugendlicher, halb gelangweilt, halb amüsiert über die monotone Stimme der Führerin. Sie zählt auf, was goldene Wasserhähne, chinesisches Porzellan, ein Steinway-Flügel mit einer John-Lennon-Signatur, Glasfenster, Intarsien, Marmor, kostbare Stoffe und Gemälde gekostet haben sollen. All das gehört zur ehemaligen Residenz Meschyhirja des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch – einem Ort, der seit 2014 zum Sinnbild für die Korruption seiner Herrschaft geworden ist. Allein das Bett habe 30 000 Dollar gekostet, erzählt die Führerin.
Das weitläufige Anwesen liegt oberhalb des Dnipro bei Nowi Petriwzi, rund 20 Kilometer nördlich des Zentrums von Kyjiw. Nach der Revolution der Würde 2014 übernahmen zunächst Aktivisten die Sicherung des beschlagnahmten Besitzes. Seit 31. August 2024 wird Meschyhirja offiziell als staatlicher Park von nationaler Bedeutung geführt; die Einnahmen fliessen seither an den ukrainischen Staat. Besucherinnen und Besucher erleben hier deshalb mehr als ein luxuriöses Anwesen: Der Ort dokumentiert, wie eng politische Macht, privater Reichtum und der Zugriff auf öffentliche Ressourcen miteinander verknüpft waren.
Raketenregen
Der Besuch fällt in einen angespannten Frühling 2026. Rund um die Feierlichkeiten zum 9. Mai gab es eine kurze Feuerpause, doch kurz danach nahmen die russischen Drohnen- und Raketenangriffe wieder deutlich zu. In Kyjiw gehören Luftalarm, nächtliche Angriffe und die Suche nach Schutz längst zum Alltag. Auch auf dem Gelände von Meschyhirja weisen Schilder den Weg zum nächsten Schutzraum. Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Zwischen Schwimmbad, Parkanlage und japanischer Pagode bleibt der Krieg jederzeit präsent.
Im Heimkino der Residenz zeigt die Führerin Bilder des Euromaidan-Aufstands und der ersten Menschen, die das Anwesen im Februar 2014 nach Janukowytschs Flucht nach Russland betraten. Journalistinnen und Journalisten bargen damals Dokumente aus dem Gelände, die später halfen, Systeme von Veruntreuung, Bestechung und undurchsichtigen Finanzströmen zu rekonstruieren. Mit Beginn des Krieges im Donbas diente Meschyhirja zeitweise auch als Aufnahmeort für Geflüchtete. Später nutzte das aus dem Umfeld der rechtsextremen Partei Swoboda hervorgegangene Sitsch-Bataillon Teile des Geländes.
Vor dem Zaun des früheren Privatzoo versucht ein kräftiger Mann mit langem Bart, die Aufmerksamkeit eines verdutzt dreinblickenden Strausses zu gewinnen. Er trägt ein T-Shirt mit dem Emblem der Asow-Bewegung. Die Szene wirkt beinahe absurd – und führt doch zurück zur Gegenwart. Denn Korruption ist in der Ukraine nicht nur ein Kapitel aus der Janukowytsch-Zeit, sondern weiterhin eine politische und institutionelle Herausforderung.
Zum Zeitpunkt des Besuchs erschüttert ein neues Verfahren das politische Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Am 11. Mai 2026 teilten die ukrainischen Antikorruptionsbehörden NABU und SAPO dem früheren Leiter des Präsidialamts, Andrij Jermak, in einem Geldwäscheverfahren offiziell einen Tatverdacht mit; NABU informierte am 12. Mai darüber. Nach Angaben der Ermittler wurden zwischen 2021 und 2025 mehr als 460 Millionen Hrywnja über den Bau einer luxuriösen Wohnanlage in Kosyn bei Kyjiw gewaschen; ein Teil der Mittel soll aus Korruptionsgeschäften beim staatlichen Atomkonzern Energoatom stammen. Jermak weist die Vorwürfe zurück. Das Verfahren ist nicht abgeschlossen, und für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
