Nacheinander ziehen an mir vorbei: junge Mütter, die mit Kindern und Kinderwagen alle Hände voll zu tun haben; Soldaten auf Urlaub – einige von ihnen amputiert –, die mit ihren Partnerinnen für ein paar Stunden die Schrecken der Front vergessen wollen; drei gut gelaunte Nonnen, deren Augen hinter halb getönten Sonnenbrillen blitzen; und Gruppen punkig gekleideter Jugendlicher, halb gelangweilt, halb amüsiert über die monotone Stimme der Führerin. Geduldig zählt sie bis auf die Dezimalstelle genau auf, was die goldenen Wasserhähne, das chinesische Porzellan, der von John Lennon signierte Steinway-Flügel, die Glasfenster, Intarsien, der Marmor, die kostbaren Stoffe und die Gemälde gekostet haben, die die Räume von Meschyhirja schmücken – dem früheren Anwesen des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch, heute ein «Museum der Korruption». Allein das Bett habe 30 000 Dollar gekostet, sagt sie, während sich ein grinsendes Paar dabei filmt, wie es einer kleinen Bronzestatue an die Brüste kneift.
Das Anwesen liegt oberhalb des Dnipro am Rand von Nowi Petriwzi, einem Dorf rund 20 Kilometer nördlich des Zentrums von Kyjiw. Tag für Tag zieht dieses Relikt der Vergangenheit Ukrainerinnen und Ukrainer an, die Grün suchen – und einen greifbaren Beweis dafür, dass Widerstand Erfolg haben kann.
Raketenregen
Die vergangenen Tage waren in diesem Frühling 2026 hart. Nach einer kurzen Feuerpause rund um die Feierlichkeiten zum 9. Mai auf dem Roten Platz setzte Russland seine schweren Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt fort. Nachts heulen die Sirenen, Raketen und Drohnen treffen Wohnhäuser, Rettungskräfte löschen Brände und suchen in den Trümmern nach Verschütteten. Selbst zwischen dem Schwimmbad von Meschyhirja und der japanischen Pagode im Zen-Garten weisen grelle Schilder den Weg zum nächstgelegenen Schutzraum. Anfang 2025 beschädigte ein Drohnenangriff einen Teil der auf dem Gelände abgestellten Luxusfahrzeuge.
Auf der Leinwand des Heimkinos – gleich neben einem Korridor mit mittelalterlichen Rüstungen und einem Holztisch, auf dem eine riesige Kaimanhaut liegt – zeigt die Führerin Bilder des Euromaidan-Aufstands und der ersten Demonstrierenden, die im Februar 2014 nach Janukowytschs Flucht nach Russland den Palast betraten. Sie gingen vorsichtig und fassungslos durch dieses Labyrinth aus Prunk und Überfluss. Später kamen Journalistinnen und Journalisten hinzu. Aus einem See und aus Kellerräumen wurden grosse Mengen an Dokumenten geborgen, die komplizierte Systeme von Veruntreuung, Bestechung und Betrug dokumentierten, durch die öffentliche Mittel abgezweigt worden waren. Nach Beginn des Krieges im Donbas wenige Monate später diente Meschyhirja zeitweise als Aufnahmeort für Geflüchtete und später als Stützpunkt des Bataillons Sitsch, das dem rechtsextremen Umfeld der Partei Swoboda nahestand.
Vor dem Zaun von Janukowytschs privatem Zoo hockt ein kräftiger Mann mit langem Bart und versucht, die Aufmerksamkeit eines verdutzt dreinblickenden Strausses zu gewinnen. Er trägt ein T-Shirt mit dem Emblem der Asow-Bewegung, aus deren ultranationalistischem Milieu später militärische Verbände hervorgingen und deren führende Köpfe Korruption immer wieder als Einfallstor für russischen Einfluss im Land bezeichneten. Hand in Hand mit seiner Freundin geht er an mir vorbei. Ich frage mich, ob die beiden über den jüngsten Skandal sprechen.
Wenige Tage zuvor hatten die ukrainischen Antikorruptionsbehörden den früheren Leiter des Präsidialamts, Andrij Jermak, formell verdächtigt, an der Geldwäsche von rund 460 Millionen Hrywnja beteiligt gewesen zu sein. Nach Angaben von NABU und SAPO soll das Geld zwischen 2021 und 2025 in ein Luxusimmobilienprojekt bei Kyjiw geflossen sein. Jermak bestreitet die Vorwürfe; das Verfahren ist nicht abgeschlossen.





