Zeinab Badawi: «Noch immer fehlt eine kohärente, gemeinsam getragene afrikanische Geschichtserzählung»

Gespräch von Iris LambertFotos von Alice Mann
Porträt der Journalistin Zeinab Badawi
Mit «Eine afrikanische Geschichte Afrikas» erzählt die Journalistin Geschichte aus afrikanischen Perspektiven – und spricht über koloniale Wissensordnungen, Quellen, Sklaverei, Identität und akademische Freiheit.

Wie lässt sich eine Geschichte erzählen, die in Schule, Forschung und Öffentlichkeit lange vor allem durch den Blick ehemaliger Kolonialmächte geprägt wurde? Zeinab Badawi antwortet darauf mit einem Buch. Es rückt afrikanische Historikerinnen, Archäologen, Anthropologinnen und lokale Erzähler ins Zentrum und macht sichtbar, wie vielfältig die politischen, religiösen und kulturellen Traditionen des Kontinents lange vor der europäischen Kolonisierung waren.

Zeinab Badawi wird 1959 im Sudan in eine Familie progressiver Intellektueller geboren und in England ausgebildet. Sie wächst «mit einem Fuss in jedem Lager» auf und erlebt die «gegenseitigen Missverständnisse», die das Verhältnis zwischen Grossbritannien und den Gebieten seines ehemaligen Imperiums belasten. Diese Frustration führt sie zum Journalismus. Eine lange und prestigeträchtige Karriere bei Channel 4 und später der BBC bringt sie mit prägenden Persönlichkeiten ihrer Zeit zusammen – vom Supermodel Naomi Campbell bis zum ruandischen Präsidenten Paul Kagame. Von ihren Begegnungen erinnert sich die Interviewerin besonders an den «umwerfenden Humor» des Dalai Lama und von Desmond Tutu, dem Erzbischof des Kampfes gegen die Apartheid. Unerwarteter ist ihre lebhafte Erinnerung an ein Gespräch mit Jacques Attali, dessen «Intelligenz und Tiefe» sie ebenso bewundert wie seinen «Einfluss auf das öffentliche Leben Frankreichs».

«Das Skelett der Bestie zerlegen»

Badawi führt ihr Projekt auf die General History of Africa der Unesco zurück. Die Unesco startete das Vorhaben 1964 mit dem Ziel, die Geschichte des Kontinents stärker aus afrikanischen Perspektiven zu schreiben. Über sechs Jahrzehnte arbeiteten mehr als 550 Historikerinnen, Historiker und Fachleute daran; das internationale wissenschaftliche Komitee bestand zu zwei Dritteln aus afrikanischen Mitgliedern. Badawi nutzte diese Forschung zunächst für ihre zwanzigteilige BBC-Serie The History of Africa with Zeinab Badawi und später für ihr 2024 erschienenes Buch An African History of Africa.

Damit knüpft sie an Denkerinnen und Denker an, die koloniale Wissensordnungen und westliche Kategorien der Afrikaforschung grundsätzlich hinterfragt haben. Dazu gehört der kongolesische Philosoph Valentin-Yves Mudimbe (1941–2025), der 1988 in The Invention of Africa untersuchte, wie westliche Wissenssysteme das Bild des Kontinents geprägt haben. Badawis eigenes Projekt ist populärer angelegt: Es will wissenschaftliche Arbeit zugänglich machen, ohne die Vielfalt afrikanischer Perspektiven auf eine einzige Erzählung zu reduzieren.

Badawi bezeichnet sich selbst als Vertreterin der «alten Medienschule», auch wenn sie diese durch soziale Netzwerke zunehmend unter Druck sieht. Die frühere Vorsitzende der Royal African Society ist seit Oktober 2021 Präsidentin der SOAS University of London. Daneben engagiert sie sich in Kultur-, Medien- und Entwicklungsorganisationen, unter anderem bei BBC Media Action und Historic Royal Palaces. Für Revue21 spricht sie über Quellen, Erinnerung, Sklaverei, Identität und die politischen Grenzen historischer Debatten.


Sie berichten in Ihrem Buch von einem ehemaligen afrikanischen Präsidenten, der eingestand, die mittelalterlichen Könige Englands besser aufzählen zu können als jene seines eigenen Kontinents. Wofür ist das ein Symptom?

Zeinab Badawi: Für dieses Buch bin ich sieben Jahre lang durch fast dreissig afrikanische Länder gereist. Mit einer gewissen Ironie habe ich festgestellt, dass viele Historikerinnen und Historiker, mit denen ich gesprochen habe, an europäischen oder amerikanischen Universitäten ausgebildet worden waren. Noch immer stammen zahlreiche Standardwerke über einzelne afrikanische Länder aus akademischen Traditionen der ehemaligen Kolonialmächte. Mich beschäftigt, wie lange afrikanische Fachleute – Historiker, Anthropologinnen, Archäologen, Paläontologinnen – beim Erzählen der eigenen Geschichte an den Rand gedrängt wurden. Das betrifft den ganzen Kontinent und mehrere Generationen.

In gewisser Weise gibt es noch immer keine wirklich kohärente, gemeinsam getragene afrikanische Geschichtserzählung. Ich wollte deshalb einen Gegenpunkt zu der Vorstellung setzen, Afrikas Geschichte beginne erst spät, mit der Ankunft der Portugiesen im 15. Jahrhundert. Und ich wollte jene hartnäckigen Vorurteile überwinden, die dazu geführt haben, dass die Geschichte des Kontinents, sofern sie nicht ganz abgewertet wurde, so lange durch fremde Stimmen und fremde Blicke geschrieben worden ist.

Das hängt auch mit den Quellen zusammen, die westliche Forschende lange bevorzugt haben: schriftliche Dokumente. Sie zeigen dagegen, dass in vielen afrikanischen Gemeinschaften, in denen Schrifttraditionen weniger ausgeprägt sind, Dokumentation viel weiter gefasst wird – über mündliche Überlieferung, Musik; Achille Mbembe hat sogar mit aufgezeichneten Albträumen des kamerunischen Unabhängigkeitskämpfers Ruben Um Nyobè (1913–1958) gearbeitet …

Wenn afrikanische Historikerinnen und Historiker nicht in die Erzählung der Geschichte des Kontinents einbezogen werden, fehlt etwas. Sie sprechen lokale Sprachen, kennen mündliche Traditionen und suchen deshalb oft in anderen Quellenbeständen. Seit der islamischen Expansion ab dem 7. Jahrhundert entstanden in Nord-, West- und Ostafrika umfangreiche arabischsprachige Schrifttraditionen; auch afrikanische Gelehrte verfassten Texte auf Arabisch. Solche Bestände ergänzen Quellen in lokalen und europäischen Sprachen sowie mündliche Überlieferungen. Entscheidend ist nicht, eine Perspektive durch eine andere zu ersetzen, sondern den Quellenraum zu erweitern.

Wenn man «Afrikaner» sagt, drängt sich ein Bild auf: eine schwarze Person mit krausem Haar und «typischen» Gesichtszügen. Diese reduzierende Vorstellung müssen wir unbedingt überwinden.

«Keine Zivilisation Afrikas hat die populäre Vorstellungskraft so stark gefesselt wie das alte Ägypten», schreiben Sie. Die von Europäern geprägte Ägyptomanie hat dazu beigetragen, das Land vom übrigen afrikanischen Kontinent zu trennen. Diese Darstellungen sorgen weiter für heftige Kontroversen – etwa 2023, als die britische Schauspielerin Adele James, die gemischter Herkunft ist, in einer Netflix-Dokumentarserie Kleopatra spielte. Was verraten solche Debatten über Kräfteverhältnisse innerhalb des Kontinents?

Kleopatra gehörte väterlicherseits zur makedonisch-griechischen Dynastie der Ptolemäer, die auf einen General Alexanders des Grossen zurückging. Die Identität ihrer Mutter ist nicht zweifelsfrei belegt; ihr Aussehen lässt sich deshalb nicht seriös aus modernen Kategorien wie «schwarz» oder «weiss» ableiten. Aber hinter dieser Kontroverse lag ein tieferes Unbehagen. Implizit ging es um die Ablehnung der Vorstellung, dass eine Person afrikanischer Abstammung diese Rolle verkörpern könnte – mit dem unterschwelligen Gedanken, aus «Schwarzafrika» könne nichts wirklich Bedeutendes hervorgegangen sein. Das ist eine alte Debatte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandten sich Mitglieder der Harlem Renaissance – jener New Yorker Bewegung, die die afroamerikanische Literatur tiefgreifend beeinflusste – der früheren Grösse Ägyptens zu und beanspruchten dieses Erbe für sich. Manche Ägypter sagen ihnen bis heute: Nein, das gehört nicht zu eurer Geschichte. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Was meinen wir überhaupt mit «afrikanisch»? Man sieht, wie festgefroren die Vorstellung ist. Wenn wir «Afrikaner» sagen, taucht meist ein sehr bestimmtes Bild auf: eine schwarze Person, krauses Haar, als «typisch» gelesene Gesichtszüge. Diese reduzierende Sicht müssen wir unbedingt überwinden. Menschen sind im Lauf der Jahrhunderte gewandert, haben sich bewegt und vermischt. Bevölkerungen an den Mittelmeerküsten standen mit Menschen aus Südeuropa und dem Nahen Osten in Kontakt; jene an der Küste des Roten Meeres mit der Arabischen Halbinsel. Afrika hat nicht nur ein Gesicht.

Die Debatte über die Sklaverei wurde lange von der afrikanischen Diaspora Nordamerikas bestimmt. Das ist zur dominierenden Erzählung geworden.

Afrikas Geschichte neu zu entdecken heisst auch, sich den dunkleren Seiten der Erinnerung zu stellen. Sie schreiben über die Beteiligung bestimmter afrikanischer Eliten am Sklavenhandel sowie über Handelsnetze durch die Sahara, über das Rote Meer und den Indischen Ozean. Die Grössenordnungen dieser verschiedenen Systeme sind historisch unterschiedlich gut dokumentiert. Welche Widerstände verhindern noch immer eine offene Debatte darüber?

Die Debatte über Sklaverei wurde lange von der afrikanischen Diaspora Nordamerikas bestimmt. Es gab viele Filme und Bücher darüber, was versklavten Afrikanern nach ihrer Ankunft in Amerika widerfuhr, später über die Bürgerrechtsbewegung. Das wurde zur dominierenden Erzählung – zu einem grossen Teil, weil es sich um die wohlhabendste und sichtbarste afrikanische Diaspora handelt. Meiner Ansicht nach hat das jedoch andere Dimensionen des Phänomens in den Hintergrund gedrängt, insbesondere den östlichen Sklavenhandel, aber auch Formen von Zusammenarbeit, die teils erzwungen, teils komplexer waren. Manche versuchten, ihre eigene Gemeinschaft auf Kosten anderer zu schützen, indem sie sich am Handel beteiligten.

Heute verändert sich die Debatte zwar, wenn auch langsam. Professor Muyiwa Falaiye, inzwischen Deputy Vice-Chancellor (Management Services) der University of Lagos, erzählte mir, dass er bei seiner Arbeit in den USA vor Jahren auf starken Widerstand stiess, wenn er die Beteiligung afrikanischer Akteure am Sklavenhandel ansprach. Dahinter steht eine verständliche emotionale Spannung und die Angst vor gegenseitigen Schuldzuweisungen. Gerade deshalb braucht es eine Sprache, die Zwang, Machtverhältnisse und lokale Handlungsspielräume gleichzeitig ernst nimmt.

Auch heute sehe ich in Afrika selbst kein grosses Interesse an diesen Diskussionen. Vielleicht liegt das daran, dass Gesellschaften, die vor allem nationale Einheit schaffen wollen, historische Spaltungen und Verletzungen nicht erneut aufreissen möchten.

Zu dieser Erinnerung gehört auch, Orte der Sklaverei zu bewahren …

Hier glaube ich, dass Afrikanerinnen und Afrikaner sowie Menschen der Diaspora sich einige Fragen stellen müssen. Warum zerfallen ehemalige Festungen und Handelsplätze entlang der Atlantikküste, obwohl sie zentrale Erinnerungsorte einer globalen Geschichte sind? Allein im transatlantischen Sklavenhandel wurden nach den Schätzungen der Forschungsdatenbank SlaveVoyages rund 12,5 Millionen Menschen in Afrika auf Schiffe gezwungen; etwa 10,7 Millionen überlebten die Überfahrt und erreichten vor allem Amerika und die Karibik. Diese Zahlen erfassen weder alle Formen der Versklavung noch die Opfer vor der Einschiffung. Gerade deshalb sollte Erinnerung nicht an nationalen Grenzen enden.

Nehmen Sie das National Museum of African American History and Culture, das 2016 in Washington eröffnet wurde. Das Gebäude wurde vom Team Freelon Adjaye Bond/SmithGroup entworfen; seine dreistufige «Corona» nimmt Formen westafrikanischer Kunst und Architektur auf, die unter anderem mit der Yoruba-Bildhauerei des Meisters Olowe of Ise in Verbindung gebracht werden. Für mich stellt sich dennoch die Frage, wie stark der afrikanische Teil afroamerikanischer Geschichte in solchen Institutionen sichtbar wird – und ob die Erzählung zu oft erst mit der Verschleppung nach Amerika beginnt.

Vergleicht man Grossbritannien mit Frankreich, seinem ähnlichsten Nachbarn, sind wir bei Repräsentation und öffentlicher Sichtbarkeit sehr viel weiter gegangen.

In den USA hat die Trump-Regierung die sogenannten DEI-Politiken – Diversity, Equity and Inclusion – frontal angegriffen. In Grossbritannien wiederum gelang der populistischen Rechtspartei Reform UK bei den Lokalwahlen im Mai 2025 ein Durchbruch. Befürchten Sie, dass die Wiederentdeckung afrikanischer Geschichte durch Institutionen wie die SOAS eines Tages selbst zum politischen oder ideologischen Ziel werden könnte?

Ich glaube nicht, dass Grossbritannien unter den europäischen Ländern jenes ist, das bei Fragen von Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion auf den grössten Widerstand stösst. Im Gegenteil: Ich finde die britische Situation in dieser Hinsicht bemerkenswert. Vergleicht man Grossbritannien mit Frankreich, seinem ähnlichsten Nachbarn mit vergleichbarer Bevölkerung und Wohlstand, sind wir bei Repräsentation und öffentlicher Sichtbarkeit sehr viel weiter gegangen. Schauen Sie Kemi Badenoch an. Ich unterstütze die Conservative Party nicht, aber es ist dennoch bemerkenswert, dass die Oppositionsführerin eine britische Frau nigerianischer Herkunft ist.

Es erscheint mir wenig wahrscheinlich, dass in Frankreich Persönlichkeiten wie Kwasi Kwarteng hervortreten würden, der Schatzkanzler war, oder James Cleverly, der Aussen- und später Innenminister war. Wir hatten zudem mit Rishi Sunak einen Premierminister indischer Herkunft. Es ist zu spät, diese Entwicklung mit Gesetzen oder Einschränkungen zurückdrehen zu wollen. Die Bewegung ist seit Langem im Gang: Die Karawane ist weitergezogen, während die Hunde weiterbellen.

Die frühere SOAS-Studentin Sarah Cotte wurde 2026 am Old Bailey wegen zweier Anklagepunkte nach Section 12 des Terrorism Act 2000 vor Gericht gestellt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, in Äusserungen von 2023 Unterstützung für die in Grossbritannien verbotene Organisation Hamas ausgedrückt zu haben; Cotte bestreitet, Hamas unterstützt zu haben. Der erste Prozess endete ohne Urteil, ein neuer Prozess wurde für September 2026 angesetzt. Unabhängig vom Ausgang gilt die Unschuldsvermutung. Gleichzeitig erklärt die Hochschule, Antisemitismus bekämpfen zu wollen, ohne die IHRA-Arbeitsdefinition zu übernehmen. Wie lassen sich akademische Freiheit und Meinungsfreiheit mit den seit dem 7. Oktober 2023 verschärften Spannungen vereinbaren?

Der SOAS wurde oft vorgeworfen, eine «Hochburg des Antisemitismus» zu sein, weil wir einen starken Schwerpunkt auf den Nahen Osten haben und viele Studierende sowie Doktorierende aus der arabischen Welt. Ich würde aber sagen, dass die Kontroversen seit dem 7. Oktober 2023 weit über unsere Hochschule hinausgehen und die gesamte akademische Welt betreffen. In dieser polarisierten Debatte muss beides gleichzeitig möglich sein: Antisemitismus entschieden bekämpfen und sich für palästinensische Rechte einsetzen. Das Vereinigte Königreich hat den Staat Palästina am 21. September 2025 formell anerkannt. Kritik an der Politik einer israelischen Regierung ist nicht automatisch antisemitisch; zugleich müssen Hochschulen einschreiten, wenn legitime politische Kritik in antisemitische Anfeindungen kippt.

Vor unserem Gespräch sagten Sie mir, trotz Ihrer langen Karriere bei der BBC fühlten Sie sich mit den heutigen Medien nicht mehr besonders verbunden …

Wir haben ein echtes Problem. Was mich beunruhigt: Die Medien von heute hängen sich oft an einzelnen Sätzen auf, während die anschliessende Einordnung nur ein oder zwei Minuten dauert. Sie kennen den berühmten Satz: «Entschuldige, dass ich dir einen langen Brief schreibe; ich hatte keine Zeit für einen kurzen.» Ich behaupte nicht, länger sei automatisch besser. Aber die Wirklichkeit ist komplex. Zugleich funktionieren die Geschäftsmodelle vieler Medien nicht mehr wie früher: Das Publikum erwartet kostenlosen, permanent verfügbaren Zugang, obwohl verlässliche Information teuer in der Herstellung ist. Geschwindigkeit und Verkürzung prägen deshalb immer stärker, was als Aktualität gilt. Wohin das langfristig führt, wissen wir noch nicht.