«Kennst du den Unterschied zwischen einem Ingenieur und einem Zug? Wenn der Zug entgleist, hält er an.» Viele Jahre später kostet Jean-Louis Caffier den Witz noch immer aus. «Das habe ich ihm gesagt, wenn er mir auf die Nerven ging», lacht er. Der pensionierte Fernsehjournalist sitzt in seinem Esszimmer im Département Loiret, sein Enkel spielt in der Nähe, und Caffier sortiert Erinnerungen an «Janco». Wie so oft bei Jean-Marc Jancovici – dem Mann, dessen Nachname durch Vertrautheit und Berühmtheit auf zwei Silben geschrumpft ist – beginnt die Geschichte mit schlechten Nachrichten. Seit mehr als zwanzig Jahren trägt der heute 64-jährige Ingenieur sie quer durch Frankreich. Am 28. Februar 2006 erklärte Caffier, damals Moderator der Sendung Terre-Mère auf LCI, seinen Zuschauerinnen und Zuschauern, ihn habe ein «Hurrikan der Stärke 5» getroffen: ein kleines Buch von knapp zweihundert Seiten, Le Plein s'il vous plaît, von Jean-Marc Jancovici. «Plötzlich habe ich die Grösse der Gefahr gespürt. Es war eine Offenbarung.»
Diese innere Detonation teilen inzwischen Legionen von Bekehrten. Jancovici hat in zwei Jahrzehnten mehr als tausend Vorträge gehalten; 2019, auf dem Höhepunkt seines Vortragsmarathons, stand er ungefähr jeden dritten Tag irgendwo auf einer Bühne. Vor allem aber sahen Millionen Menschen seine langen, häufig technisch schlichten YouTube-Videos. Oft schlecht kadriert, gespickt mit altmodischen Ausdrücken und spöttischem Lächeln, führen sie das Publikum immer wieder zu derselben arithmetischen Wand: Die Atmosphäre nimmt immer mehr CO₂ auf, unsere Gesellschaften hängen tief an Öl, Gas und Kohle, und keine einzelne technische Alternative – weder Windparks noch CO₂-Abscheidung noch Elektroautos – wird allein verhindern, dass wir ökologische Grenzen überschreiten. Für Jancovici folgt daraus: Der Energieverbrauch muss sinken. Und weil für ihn Wirtschaft und Energie untrennbar verbunden sind, bedeutet das auch weniger materielles Wachstum.
Genau hier liegt das Rätsel Jancovici. Eine solche Botschaft müsste ihn eigentlich in eine klar abgegrenzte Ecke der politischen Ökologie drängen, irgendwo zwischen Degrowth-Bewegung, Antikapitalismus und Klimaprotest. Stattdessen besitzt Frankreichs bekanntester Klimaingenieur eine erstaunlich breite Anhängerschaft. Pablo Servigne, einer der Köpfe der französischen «Kollapsologie», nennt ihn einen geistigen Paten. Gleichzeitig hören ihm Chefs grosser börsenkotierter Unternehmen zu, darunter Manager aus dem Umfeld von TotalEnergies. Zehntausende Bürgerinnen und Bürger engagieren sich bei den Shifters, einer Schwesterorganisation seines Thinktanks The Shift Project. Auch konservative und rechtsgerichtete Politiker berufen sich auf seine Analysen. Der frühere Abgeordnete Julien Aubert etwa sagt, Jancovicis Arbeit habe sein energiepolitisches Denken geprägt, und lobt ihn als besonders wirkungsvollen Vermittler.
So erfolgreich wie Asterix
Der Comiczeichner Christophe Blain, der bereits in Quai d'Orsay den ehemaligen französischen Aussenminister Dominique de Villepin in eine fast übermenschliche Figur verwandelt hatte, machte auch aus Jancovici einen Helden der Gegenwart. 2021 veröffentlichten beide die Graphic Novel Le Monde sans fin. Sie wurde ein Bestseller mit mehr als einer Million verkauften Exemplaren – Grössenordnungen, die sonst eher Asterix-Bände erreichen. Damit gelangte Jancovicis Denken endgültig in Wohnzimmer, Schulzimmer und Buchhandlungen, weit über die technisch interessierte Klimaszene hinaus.
Seine persönliche Strahlkraft hilft auch dem Shift Project. Für die Arbeit rund um die Präsidentschaftswahl 2027 wurden mehrere Millionen Euro mobilisiert. In zwei Jahrzehnten hat der kompromisslose, redselige und gleichzeitig privat auffallend diskrete Ingenieur sehr unterschiedliche Kräfte hinter seiner zentralen Mission versammelt: die Dekarbonisierung. Doch der Preis dafür ist ein technokratisches Ideal der Überparteilichkeit. Wenn Zukunft vor allem als Rechnung aus Barrel, Kilowattstunden und Materialflüssen erscheint, droht aus dem Blick zu geraten, dass Gesellschaften nicht nur physikalische Systeme sind, sondern Demokratien mit Konflikten, Rechten und Machtfragen.
Mit Jancovici selbst darüber ein klassisches Porträt zu führen, ist schwierig. Er lehnt solche Anfragen inzwischen grundsätzlich ab. Porträts, schrieb er Revue21, lenkten die Aufmerksamkeit auf den Überbringer statt auf die Botschaft und machten aus einer kollektiven Arbeit unnötig eine einzelne Person. «Ihr werdet das Rosebud nicht finden», warnt sein alter Freund Franck Cabot-David mit einer Anspielung auf Orson Welles' Citizen Kane: jenes geheimnisvolle Wort, mit dem ein Journalist vergeblich versucht, den innersten Kern seines Protagonisten zu entschlüsseln.
«Suche Polytechniker, der für Mindestlohn Filme machen will.» Und er hat geantwortet.
Franck Cabot-David, Schauspieler und Produzent
Bei Rum-Cola erinnert sich der heute über siebzigjährige Cabot-David an die Zeit, als er vor vierzig Jahren «Tag und Nacht» mit dem jungen Ingenieur zusammenarbeitete. 1986 erschien ein 24-Jähriger mit Bürstenschnitt im Fouquet's, nachdem er eine Kleinanzeige gelesen hatte. Cabot-David war bereits Schauspieler und wollte eine Produktionsfirma aufbauen, verstand aber wenig von Gesellschaftsrecht und Finanzierung. Als Scherz hatte er in Libération inseriert: «Suche Polytechniker, der für Mindestlohn Filme machen will.» Jancovici meldete sich.
Die rote Pille schlucken
So entstand Ciné Magma Production. Der spätere Klima-Star bewegte sich plötzlich im Paris von Pigalle, traf Leute wie Claude Chabrol und Marcel Carné und musste sich, eher unbeholfen, auf Tanzflächen und in bohèmehafte Netzwerke begeben. Er fühlte sich dort nicht besonders wohl, war aber obsessiv entschlossen, das gemeinsame Projekt zum Laufen zu bringen. Die Idee war pragmatisch: gut bezahlte «Industriefilme» für grosse Unternehmen produzieren und mit deren Einnahmen künstlerische Kurzfilme junger Talente finanzieren. Rückblickend wirkt dieses Quersubventionierungsmodell fast wie eine Vorübung für die komplexe Struktur aus Beratung, Thinktank, Verein und öffentlicher Vermittlung, auf der Jancovicis späterer Einfluss beruht.
Der ökologische Wendepunkt kam schrittweise. Den ersten Bericht des Weltklimarats IPCC von 1990 nahm Jancovici bereits ernst. Die eigentliche «rote Pille» – ein Bild aus Matrix für jenen Moment, in dem eine unbequeme Wahrheit das Weltbild dauerhaft verändert – war für ihn aber der Bericht Limits to Growth des Club of Rome von 1972, bekannt als Meadows-Bericht. Dennis und Donella Meadows und ihr Team am MIT modellierten, was mit einem endlichen Planeten geschieht, wenn Bevölkerung, Ressourcenverbrauch und industrielle Produktion dauerhaft exponentiell wachsen.
Jancovici formuliert die Konsequenz oft drastisch: Wenn Ressourcen und Versorgung einbrechen, kann Bevölkerung durch Hunger, Krankheit oder Krieg sinken. Gerade solche Zuspitzungen haben ihm enorme Wirkung – und viel Kritik – eingebracht.
In einem Vorwort zur französischen Neuauflage des Berichts schrieb Jancovici 2012 sinngemäss: Solange Gesellschaften an «ewigem» Wirtschaftswachstum festhalten, werde selbst sehr optimistischer technischer Fortschritt nicht verhindern, dass ein endliches System im 21. Jahrhundert an Grenzen stösst. Für ihn war das eine fast biblisch einfache Einsicht. Seine Mission bestand fortan darin, möglichst viele Menschen mit dieser Realität zu konfrontieren.
«Energiesklaven»
Anfang der 2000er-Jahre lernten viele Menschen Jancovici über seine Website Manicore kennen, einen heute antiquiert wirkenden Blog voller Texte, Tabellen und Schaubilder. Dort entwickelte er Bilder, die später zu seinem Markenzeichen wurden. Besonders bekannt ist die Metapher der «Energiesklaven»: Fossile Energie stelle jedem Menschen in reichen Gesellschaften eine enorme Menge maschineller Arbeit zur Verfügung, die früher nur durch menschliche oder tierische Muskelkraft zu leisten gewesen wäre. Wer verstehen wolle, warum unsere Wirtschaft so produktiv sei, müsse nicht nur über Kapital und Arbeit reden, sondern über Energie.
«Ich weiss, wie es ist, Angst zu erzeugen, nur weil man die Welt retten will.»
Pablo Servigne
Unter Studierenden und jungen Ökologen wurden die Manicore-Texte herumgereicht wie neue Songs einer Lieblingsband. Pablo Servigne und Raphaël Stevens, die 2015 mit Comment tout peut s'effondrer das Thema gesellschaftlicher Zusammenbrüche populär machten, gehörten zu diesen frühen Lesern. Servigne empfindet bis heute viel Sympathie für Jancovici, kritisiert aber seine Methode: Schlechte Nachrichten so frontal zu präsentieren könne ethisch problematisch sein – ein wenig, als würde man einer Patientin ohne jede Vorbereitung eine Krebsdiagnose hinwerfen.
Jancovici selbst zweifelt am grundsätzlichen Kurs kaum. Seine langjährige Freundin Geneviève Ferone, eine Pionierin nachhaltiger Finanzwirtschaft und Mitgründerin des Shift Project, beschreibt ihn als «bewohnt» von seiner Mission. Er habe sich diese Aufgabe weniger ausgesucht, als dass sie ihn ergriffen habe. Beide lernten sich im Umfeld der French-American Foundation kennen. In einer Runde voller erfolgreicher Nachwuchskräfte hätten sie sich, erinnert sie sich, wie «zwei Sonnenblumen» erkannt, die in eine andere Richtung blickten – nämlich auf die kommende Klimakrise.
Von Gerechten gerettet
Ferone vermutet hinter Jancovicis Dringlichkeit auch ein familiäres Bewusstsein für Verwundbarkeit. Seine Grosseltern väterlicherseits, Jean Jancovici und Adèle Kivatizai, jüdischer Herkunft aus Rumänien beziehungsweise der Ukraine, wurden während der deutschen Besatzung Frankreichs in Drancy interniert, nach Auschwitz deportiert und 1943 ermordet. Sein Vater Bernard überlebte als verstecktes Kind, geschützt von Menschen, die später als «Gerechte unter den Völkern» geehrt wurden. Er wurde Physiker; Jean-Marc Jancovici wuchs in Orsay auf.
Eine direkte psychologische Linie von dieser Familiengeschichte zu Jancovicis Klimadenken lässt sich nicht beweisen, und er selbst spricht darüber selten. Ferone verwendet das Motiv eher als Deutung: Wer früh weiss, dass gesellschaftliche Systeme kollabieren und Menschen geopfert werden können, entwickelt vielleicht eine besondere Abneigung gegen die Vorstellung, Katastrophen erst dann zu organisieren, wenn sie bereits eingetreten sind. Jancovicis Methode lautet entsprechend: «Pessimismus organisieren» – Probleme möglichst früh in Handlungen übersetzen.
Der erste grosse Hebel war für ihn die Medienwelt. 2005 diskutierte er mit Jean-Louis Caffier bei einer Veranstaltung in den Alpen darüber, wie Umwelt- und Energiethemen stärker in die Nachrichten gelangen könnten. Daraus entstand eine ungewöhnliche Fortbildung: Journalistinnen und Journalisten wurden nach Combloux eingeladen, vormittags zum Skifahren, mittags zum Essen und nachmittags zu Vorträgen über Klima und Energie. Der Tourismusort half bei der Finanzierung, Jancovici suchte weitere Sponsoren.
«Ich könnte versuchen, das Foto wiederzufinden, auf dem Janco mit der Wettermoderatorin Évelyne Dhéliat Rillettes auf Brot streicht.»
Jean-Louis Caffier
Über Jahre kamen bekannte Fernsehgesichter und Regionaljournalisten. Caffier erinnert sich an einen Jancovici, der vom Bahnhof bis zum Sessellift über CO₂ sprach, abends als Letzter ins Bett ging, morgens als Erster aufstand und darauf bestand, Sandwiches selbst zuzubereiten. Kaum war die Medienrunde etabliert, dachte der Ingenieur weiter: Nach den Journalisten müsse man dasselbe mit Unternehmenschefs machen.
Der berühmte «Bilan Carbone»
Mit dem sieben Jahre älteren Ökonomen und Polytechniker Alain Grandjean gründete Jancovici 2007 die Beratung Carbone 4. Der Name verweist auf das damalige französische Klimaziel, die Treibhausgasemissionen bis 2050 gegenüber 1990 ungefähr auf ein Viertel zu reduzieren. Hinzu kam Laurent Morel, damals Manager beim Immobilienkonzern Klépierre. Die Firma wuchs rasch zu einer der bekanntesten französischen Klimaberatungen.
Schon 2001 hatte Jancovici der Umweltagentur ADEME eine Methode zur Berechnung der Emissionen von Organisationen vorgeschlagen: den später weithin bekannten «Bilan Carbone». Das Werkzeug half Unternehmen und öffentlichen Stellen, direkte und indirekte Treibhausgasemissionen systematisch zu erfassen. In Frankreich wurde es zu einem Standardbegriff – und trug dazu bei, Jancovici vom Vortragenden zum Berater grosser Institutionen zu machen.
«Er ist ein Kollapsdenker, der einen Anzug angezogen hat, um mit jenen zu sprechen, die die Megamaschine betreiben.»
Pablo Servigne
Jancovicis persönliche Gesellschaft Manicore hält Beteiligungen an der Carbone-4-Gruppe. Deren Kunden reichen von Energieunternehmen über Verkehrsunternehmen bis zu öffentlichen Konzernen. Genau darin liegt eine der Spannungen seiner Karriere: Er warnt vor einer Wirtschaftsordnung, die zu viel Energie und Material verbraucht, berät aber zugleich Organisationen, die einen grossen Teil dieses Systems ausmachen. Für Unterstützer ist das pragmatischer Einfluss. Für Kritiker ist es die Gefahr, radikale Diagnose und institutionelle Anpassung zu verwechseln.
Nach Unternehmen kamen Politikerinnen und Politiker. Jancovici sass früh im wissenschaftlichen Beirat der Fondation Nicolas Hulot und wurde regelmässig zu parlamentarischen Anhörungen eingeladen. Dort beeindruckt er mit Dreisatzrechnungen, physikalischen Grenzen und der Sicherheit eines Ingenieurs, der glaubt, die entscheidenden Grössen identifiziert zu haben. Gleichzeitig äussert er seit Jahren Skepsis gegenüber der Fähigkeit demokratischer Systeme, langfristige und unpopuläre Entscheidungen zu treffen. In Dormez tranquilles jusqu'en 2100 bezeichnete er Demokratie sinngemäss als kurzsichtig, langsam und häufig inkohärent.
Wie bei Platon
In Jancovicis Kurzgeschichte politischer Systeme erscheint Demokratie als Regime, das in einer Welt wachsenden Wohlstands besonders gut funktioniert. Politik verteilt Überschüsse und verspricht Gruppen mehr. Doch was geschieht, wenn Energie knapper oder Emissionen zwingend begrenzt werden und Politik nicht mehr nur verteilen, sondern verbieten, verteuern oder reduzieren muss? Jancovici sieht darin eine strukturelle Schwierigkeit demokratischer Politik.
Das Shift Project soll diese Lücke mit Zahlen füllen. Der Thinktank arbeitet mit einem Millionenbudget, das aus Spenden, Stiftungen und Beiträgen von Mitgliedsunternehmen stammt. Einige dieser Unternehmen sind zugleich Kunden von Carbone 4. Das ist transparent dokumentiert, wirft aber Fragen nach Nähe und Interessenkonflikten auf. Ziel des Shift Project ist es, Entscheidungsträgern quantifizierte Wege zur Dekarbonisierung vorzulegen: Verkehrsmodelle, Energiepfade, Industriepläne, Gebäudestrategien.
Man könnte sich über dem Eingang des Thinktanks den Satz vorstellen: Wer regieren will, sollte zuerst Thermodynamik lernen. Das erinnert an Platons Akademie, über deren Eingang der Legende nach nur Geometer eintreten sollten. Jancovici würde sich vermutlich trotzdem nicht als Philosophenkönig bezeichnen. Historisch liegt seine Logik näher an jener technokratischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die Wirtschaft nach Energie- und Materialflüssen rational organisieren wollte. Aus dieser Bewegung stammt der Begriff «Technokratie» – die Vorstellung, Fachwissen könne politische Konflikte durch objektive Steuerung ersetzen.
Kollektive Opfer
Wegen seiner Unterstützung der Kernenergie wird Jancovici häufig als Technosolutionist bezeichnet. Das trifft seine Position nur teilweise. Er hält Kernkraft für eine CO₂-arme Energiequelle, auf die Frankreich in der Transformation nicht leicht verzichten könne. Gleichzeitig sagt er ausdrücklich, dass keine Technologie – weder Wasserstoffflugzeuge noch Photovoltaik noch CO₂-Abscheidung – das Problem allein lösen wird. Sein Programm verlangt auch kollektive Einschränkungen: weniger Konsum, weniger Flugverkehr, weniger Autos, weniger beheizte Fläche und insgesamt weniger Energieverbrauch.
Dafür brauche es grosse Planung. Jancovici gehörte zu den Stimmen, die in Frankreich eine stärkere staatliche Klimaplanung forderten; unter Emmanuel Macron wurde 2022 das Generalsekretariat für ökologische Planung eingerichtet. Die Bilanz dieser Institution ist politisch umstritten, aber die Idee passt genau zu Jancovicis Weltbild: Ziele quantifizieren, Engpässe identifizieren, Infrastruktur und Verbrauchspfad koordinieren.
Der grüne Europaabgeordnete David Cormand sieht darin eine tiefere Meinungsverschiedenheit als nur die bekannte Kernkraftfrage. Nuklearenergie benötige einen starken Staat, sehr gut ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure, über Jahrzehnte stabile Institutionen und verlässliche Sicherheitskultur. Gerade in einer künftig instabileren Welt könne ein solches hochzentralisiertes System politische Risiken bergen. Cormands zugespitzte Sorge lautet: Wenn gesellschaftliche Stabilität abnimmt, könnte die Versuchung wachsen, die nötige Planung autoritär durchzusetzen. Das ist eine politische Bewertung, kein technischer Beweis – aber eine zentrale Gegenfrage zu Jancovicis Planungsoptimismus.
Überall entstehen Projekte
Um die Begeisterung rund um den Ingenieur in praktische Arbeit zu übersetzen, wurde 2014 The Shifters gegründet, eine Schwesterorganisation des Shift Project. Nach eigenen Angaben zählt das Netzwerk heute Zehntausende Interessierte und mehrere Tausend aktive Mitglieder in zahlreichen lokalen Gruppen. Viele sind Männer, beruflich gut etabliert und naturwissenschaftlich oder technisch ausgebildet. Revue21 sprach mit Mitgliedern darüber, warum sie freiwillig Stunden ihrer Freizeit der Dekarbonisierung widmen.
Die Aufgaben sind breit: interne Weiterbildung, öffentliche Vorträge, Mitarbeit an Konsultationen und Unterstützung von Studien des Shift Project. Auf Discord und in lokalen Gruppen entstehen ständig neue Projekte. Eine Gynäkologin beteiligt sich an einem Webinar zur Dekarbonisierung von Operationssälen. Andere sprechen mit Werkstätten, Autohändlern, Jagdverbänden, Gemeinden oder Unternehmen. Für viele ist Aktivität auch ein Mittel gegen Klimaangst. «Wir klagen nicht nur, wir tun etwas», beschreibt es ein Mitglied aus dem Gesundheitsbereich.
Tausende Shifter als Multiplikatoren
Die Shifters erkennen einander in Unternehmen, Krankenhäusern oder Verwaltungen und versuchen dort kleine Veränderungen anzustossen – Geneviève Ferone nennt es halb scherzhaft eine sanfte Form von «Entrismus», durch die Ideen des Shift Project fleckenartig in Branchen und Regionen einsickern. Ganz dezentral ist das System allerdings nicht. Öffentliche Initiativen werden koordiniert, und wer im Namen der Organisation Vorträge hält, muss eine Ausbildung absolvieren und sich an geprüfte Unterlagen halten.
Sobald es politisch wird, betonen viele Shifters ihre technische Perspektive. Klimaphysik sei keine Parteimeinung, sagen sie; Dekarbonisierung müsse in allen gesellschaftlichen Lagern stattfinden. Vor Wahlen stellen Shift Project und Shifters deshalb Programme und Szenarien bereit. Im Frühjahr 2026 erschien ein «robuster Plan» für die französische Wirtschaft mit zwanzig grossen Baustellen – unter anderem Schienengüterverkehr, Wärmepumpen, CO₂-armer Wasserstoff, Industrie, Fahrzeuge, Rechenzentren, Landwirtschaft, Kernenergie und erneuerbare Energien. Parteien sollen daraus, so die Organisation, konkrete Massnahmen gemäss ihren eigenen Werten entwickeln.
In der Praxis lässt sich Politik jedoch nicht so leicht aus der Gleichung entfernen. Vor den Kommunalwahlen 2026 organisierten die Shifters in Paris öffentliche Gespräche mit Spitzenkandidierenden verschiedener Lager. Wenn eine Organisation gleichzeitig Vertreterinnen und Vertreter von Republikanern, Linken und Rassemblement national einlädt, wird schon die Frage «Mit wem reden wir?» politisch. Interne Diskussionen eskalierten besonders bei Kontakten zur extremen Rechten.
«Auf die Frage: Würden wir mit der extremen Rechten sprechen? lautet die Antwort bei ihnen: ja.»
Ein Shifter
Der Vorstand verteidigte schliesslich eine Linie der Überparteilichkeit. Doch ähnliche Konflikte hatten bereits 2024 bei Carbone 4 Spuren hinterlassen. Ehemalige Mitarbeitende berichten anonym, dass sich nach der Auflösung der Nationalversammlung und vor den Parlamentswahlen die Frage stellte, wie das Unternehmen auf einen möglichen Wahlsieg des Rassemblement national reagieren würde. Einige verlangten eine klare demokratische Grenze. Die Führung wollte dagegen die Möglichkeit offenhalten, auch mit einer solchen Regierung fachlich zu arbeiten. Mehrere Beschäftigte empfanden das als moralisch untragbar und verliessen das Unternehmen.
«Männer im Rock»
Weitere Spannungen betreffen Jancovicis Aussagen über Geschlechterrollen. In einem Podcast von 2018 erklärte er biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen sehr weitreichend mit sozialen Rollen und behauptete unter anderem, Spitzenpolitik sei ein besonders brutaler Karriereweg, der der durchschnittlichen weiblichen Psychologie weniger entspreche. Frauen, die es ganz nach oben schafften, bezeichnete er zugespitzt als «Männer im Rock». Solche Aussagen sind keine zwingende Folgerung aus Biologie oder Klimaphysik, sondern gesellschaftspolitische Thesen – und müssen als solche kritisiert und diskutiert werden.
Ehemalige Beschäftigte von Carbone 4 berichten ausserdem von Auseinandersetzungen darüber, wie viel politische oder gewerkschaftliche Äusserung im Unternehmen erlaubt sein sollte. Revue21 konnte interne E-Mails einsehen, in denen Beschäftigte aufgefordert wurden, bestimmte Beiträge oder geplante gewerkschaftliche Treffen im Zusammenhang mit dem Aufstieg der extremen Rechten zu unterlassen. Die Unternehmensführung verstand Carbone 4 als Beratung und wollte parteipolitische Positionierung vermeiden; einige Mitarbeitende erlebten diese Haltung gerade angesichts demokratischer Risiken als Verdrängung.
Gleichzeitig äussert sich Jancovici in anderen politischen Fragen durchaus deutlich. In einem Interview beim YouTube-Format Thinkerview im März 2025 beschrieb er das Vorgehen Israels in Gaza mit scharfen Worten und verwendete den Begriff «Genozid». Die rechtliche Einordnung der Ereignisse ist Gegenstand internationaler Gerichtsverfahren und kontroverser Debatten; journalistisch muss deshalb klar zwischen Jancovicis persönlicher Bewertung, Berichten internationaler Organisationen und rechtskräftigen juristischen Feststellungen unterschieden werden.
Seine langjährige Freundin Geneviève Ferone weist die Vorstellung zurück, Jancovici wolle sich einem autoritären, «dekarbonisierten Todesstern» zur Verfügung stellen. Vieles in seinem Werk spricht tatsächlich eher für einen Mann, der physikalische Grenzen ernst nimmt und Handlungsfähigkeit sucht, als für einen ausgearbeiteten autoritären Staatsentwurf.
Doch gerade sein Erfolg macht die politische Frage unvermeidlich. Wer Parteien Werkzeuge gibt, beeinflusst politische Entscheidungen – auch wenn das Werkzeug eine Tabelle ist. Wer Kernenergie, Konsumgrenzen und staatliche Planung fordert, spricht über Macht, Verteilung und Freiheit. Naturgesetze sind nicht parteipolitisch. Der Umgang mit ihnen ist es sehr wohl.
Damit kehrt am Ende Caffiers alter Witz zurück. Jancovicis grosse Stärke ist die Konsequenz des Ingenieurs: Er sieht eine Strecke, berechnet die Kurve und will bremsen, bevor der Zug aus den Schienen springt. Aber Politik ist kein Zug auf festgelegten Gleisen. Gesellschaften sind widersprüchlich, demokratisch und unberechenbar. Die offene Frage lautet deshalb: Wenn die eigene Konstruktion zu entgleisen droht – erkennt auch der Ingenieur rechtzeitig den Moment, an dem er umdenken muss?






