Morris Katz, das Wunderkind, das Europas Linke «mamdanisieren» will

Text von Thomas Andrei, Gaspard CoudercIllustration von James Fosdike
Morris Katz in einem Porträt für Revue21
Begegnung mit dem Strategen hinter der Wahl des New Yorker Bürgermeisters, der der Linken dies- und jenseits des Atlantiks wieder Lust aufs Gewinnen macht.

Bis vor Kurzem log Morris Katz über sein Alter. Gegenüber Kunden, Kollegen, Journalistinnen. Er machte sich zwei Jahre älter, als hätte er gespürt, dass ein New Yorker Junge nicht schon so früh so viel Einfluss haben durfte. Heute steht das kleine Mozartgenie der amerikanischen Politkommunikation dazu: zu seinen 27 Jahren, seiner unverschämten Frühreife und seinen überbordenden Ambitionen, die längst über die Grenzen der USA hinausreichen und sich ungefähr so zusammenfassen lassen: Wie rettet man die Linke – die echte – in den Vereinigten Staaten und in der Welt?

Juni 2026. Vor uns sitzt der «Medienstratege», wie er sich selbst nennt, im 34. Stock eines Hochhauses in Brooklyn und gibt in Studentenaufmachung den Maestro. Um ihn herum sein Orchester: eine junge Schar von Männern in Hoodies und Frauen in Ballerinas, die nach seinem Takt fieberhaft auf MacBooks tippen, welche in prekärer Balance auf einem Geflecht übereinandergeschlagener Beine liegen. Wir sind im Herzen von Fight («Kampf»), einer Anfang 2025 gegründeten Kommunikationsagentur. Gegründet wurde sie von Rebecca Katz, Tommy McDonald und Julian Mulvey; Morris Katz arbeitet dort als Medienstratege und ist mit Rebecca Katz nicht verwandt. Fight also, wie Donald Trumps trotziger Ruf, das Ohr blutend, Sekunden nach dem Attentatsversuch vom 13. Juli 2024 – mitten im Wahlkampf, den er später gegen die damalige Vizepräsidentin Kamala Harris gewann.

Eine Dosis Coolness und Radikalität

Einige Monate nach der bitteren Niederlage der demokratischen Kandidatin gegründet, berät Fight politische Persönlichkeiten – meist solche, die noch am Anfang stehen, und vor allem «entschieden links», wie Katz betont. Das mehr oder weniger kalkulierte Echo auf Trumps Wahlkampfruf soll also weniger das Vokabular von MAGA – Make America Great Again, «Amerika wieder gross machen» – umdrehen als vielmehr eine Linke schaffen, die «kämpft»: eine Linke, die eine verkrustete Demokratische Partei mit akutem Bedarf an frischem Blut aufwecken soll, indem sie ihr eine Dosis Coolness und Radikalität spritzt.

Die Gründer von Fight verweisen auf Erfahrung aus Hunderten Kampagnen in den USA. Der spektakulärste Erfolg – jener, der Morris Katz mit Hochglanzporträts in Magazinen und dem Ärger des demokratischen Establishments zur nationalen Figur machte – ist Zohran Mamdanis Sieg bei der New Yorker Bürgermeisterwahl im November 2025. Mamdani, Demokrat und Mitglied der Democratic Socialists of America (DSA), trat sein Amt am 1. Januar 2026 an.

Seither durchkämmt Katz wie ein Castingdirektor das amerikanische Hinterland auf der Suche nach dem nächsten Mamdani: der seltenen, charismatischen Perle ausserhalb des Systems. Einem politischen Neuling ohne Gepäck, der zum Volk sprechen kann – ganz nach einer alten amerikanischen Sehnsucht danach, die etablierten Figuren hinauszuwerfen, die mindestens bis zu Frank Capras Mr. Smith Goes to Washington zurückreicht. Ein riskanter Ansatz, zumal Katz, wie sich zeigen wird, nicht immer einen so guten Griff hatte wie bei diesem politischen Meteor.

Der jüdische Casanova von Philadelphia

Morris Katz empfängt uns in seinem Büro, dem abgeschiedensten Raum der Agentur – nur vereinzelt dringt das Lachen seiner Mitarbeitenden herein –, tief in einem Sofa versunken. Durch die grossen Fenster zieht sich die Skyline des reichen Manhattan, seiner Heimatinsel; aufgewachsen ist er im wohlhabenden Künstlerquartier Tribeca. Schon sein Einstieg irritiert. «Ich war ein grosser Fan von John Kerry», erzählt jemand, der bei der Präsidentschaftswahl 2004 gerade fünf Jahre alt war, als der demokratische Senator und Vietnamkriegsveteran gegen George W. Bush verlor. Der Mann mit den blonden Locken war offenbar schon immer früh dran.

Ich bin sehr jung in die Welt der Filmsets hineingewachsen. — Morris Katz, Berater von Zohran Mamdani

Wie Mamdani, dessen Mutter eine vielfach ausgezeichnete Filmemacherin ist, ist auch Katz zunächst ein Kind der kulturellen Elite der US-Ostküste. Sein Grossvater war ein exzentrischer Gesellschaftsmensch, bekannt als der jüdische Casanova von Philadelphia. Sein Vater, Dramatiker, schrieb Drehbücher für erfolgreiche Fernsehserien. Seine Mutter schreibt und verlegt Kinderbücher. Sein Pate war niemand Geringerer als der Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman. «Ich bin sehr jung in die Welt der Filmsets hineingewachsen», sagt der Mittzwanziger, der weiss, dass er mit diesem Stammbaum «sehr viel Glück» hatte, das Etikett «privilegiert» aber von sich weist. Er möchte als rebellischer Jugendlicher in Erinnerung bleiben, der den Unterricht an seiner angesehenen Schule meistens schwänzte. «Nicht um zu rauchen oder zu trinken, sondern um zu schreiben», betont er. Philip Roth und Kurt Vonnegut als Lektüre, Bob Dylan im Ohr: Katz schreibt besessen – Theaterstücke, Drehbücher, Blogbeiträge.

Im Grunde, sagt er, habe er nie damit aufgehört: «Ich erzähle Geschichten.» Einige davon lässt er allerdings aus, etwa seine ersten Schritte bei den Demokraten. Gerade zwanzig Jahre alt, bewegte sich der ehrgeizige Katz dank der Beziehungen seines gut vernetzten Vaters unter den Beratern von Gouverneur Andrew Cuomo – ausgerechnet jenem demokratischen Schwergewicht, das Jahre später von Mamdani verachtet und besiegt werden sollte. Damals, als guter Zentrist, misstraute Katz dem «Kommunisten» Bernie Sanders. Lichtjahre entfernt vom heutigen Kritiker der demokratischen Elite, der auch mit dem eigenen Lager hart ins Gericht geht: Dieses habe, sagt er uns, «seine Vision verloren – durch eine Mischung aus politischem Kalkül, Gier und Korruption».

Sein Gegner ist heute «das Establishment» als Ganzes. Das heisst: «gegen die Republikaner kämpfen, aber auch gegen die Demokraten, wenn es nötig ist». Er fährt fort: «Das System funktioniert nicht. Menschen sollten nicht mit medizinischen Schulden erdrückt werden, nur weil sie krank werden oder ein Kind bekommen …»

Populismus ohne Trumpismus

Angesichts «des Ausmasses der Krise» glaubt Morris Katz an «ein grosses Erwachen – das des Populismus. Damit meine ich Politik im Dienst der Menschen. Nicht in dem Sinn, dass sie deren niedrigste Instinkte bedient, sondern eine Politik, die allen gehört und nicht nur den Reichsten und am besten Vernetzten.» Populismus ohne Trumpismus also. Während er pausenlos auf seinem Telefon tippt, doziert er: «Die Linke sollte das Lager sein, an das man sich wendet, wenn man wütend ist.» Und diese wütende Linke brauche, so Katz, neue Gesichter, in denen sie sich wiedererkenne.

Schon im letzten Collegejahr taucht Katz in Wahlkämpfe ein. Er schliesst sich Erica Smith an, einer wenig bekannten Kandidatin für den Senat von North Carolina, die über seinen Blog auf ihn aufmerksam wird. Für sie produziert er bereits kleine virale Videos. 2022 erlebt er dann an der Seite von John Fetterman Sieg und Rampenlicht. Fetterman ist ein politisches UFO: aus bürgerlicher Familie, langjähriger Bürgermeister der ehemaligen Stahlstadt Braddock im Rust Belt, ständig im Hoodie und in Shorts, selbst im Winter. Wenige Monate nach einem schweren Schlaganfall, der seine Sprache beeinträchtigt, wird er zum Senator von Pennsylvania gewählt. Katz macht aus Fettermans Genesung eine emotionale Erzählung, die Wähler mobilisiert. Mit fast zwei Metern Körpergrösse, Ziegenbart und rauen Manieren wird Fetterman zum Star der Midterms – und für eine Weile zum Sinnbild eines neuen Demokratentyps, der die weisse Arbeiterschicht erreichen kann.

Nur: Seit seiner Wahl hat sich Fetterman in mehreren zentralen Fragen deutlich vom linken Flügel seiner Partei entfernt. Er unterstützt Israel vehement, lehnt Forderungen nach einer Abschaffung von ICE ab und stimmte 2026 gegen Resolutionen, die Donald Trumps militärisches Vorgehen gegen den Iran ohne Zustimmung des Kongresses begrenzen sollten. Gleichzeitig kritisierte er einzelne ICE-Einsätze und geplante Haftzentren. Sein Kurs ist damit konservativer als jener vieler früherer Unterstützer, aber nicht in allen Punkten deckungsgleich mit Trump.

Einen Gang höher schalten

Unterdessen formt Katz, der sich von Fetterman nie wirklich distanziert hat, im tief konservativen Nebraska den virilen Wahlkampf von Dan Osborn: ein Navy-Veteran, der in einer Kellogg’s-Fabrik zum Gewerkschafter wurde und sich auf Katz’ Rat in Wahlvideos mit Schweissbrenner inszeniert. Wieder scheitert eine Senatskampagne, wenn auch knapp. Zu diesem Zeitpunkt besteht das Katz-Rezept vor allem darin, Kandidaten mit biografischer Nähe zur Arbeiterklasse als glaubwürdige Gegenfiguren zum politischen Establishment zu präsentieren. Dann schaltet der Stratege einen Gang höher und arbeitet 2024 für Jamaal Bowman, New Yorker Abgeordneten im Kongress: einen Afroamerikaner aus Harlem, der wegen seiner entschiedenen pro-palästinensischen Positionen zum Feindbild des demokratischen Establishments geworden ist.

Ein 32-jähriger muslimischer Sozialist ist nicht gerade das, was man als ideales Profil bezeichnen würde. — Morris Katz über Zohran Mamdani

In einer brutalen parteiinternen Vorwahl werden insgesamt rund 23 Millionen Dollar für Werbung ausgegeben. Allein United Democracy Project, ein mit AIPAC verbundenes Super-PAC, steckt etwa 14,5 Millionen Dollar in Werbung gegen Bowman. Bowman verliert. Doch der stark beachtete Machtkampf verschafft Katz neues Gewicht. Genug, um einem gewissen Zohran Mamdani aufzufallen, damals ein ausserhalb New Yorks noch wenig bekannter Abgeordneter im Parlament des Bundesstaats New York aus Queens auf der Suche nach einem politischen Sherpa.

Katz’ grüne Augen leuchten auf: «Ich hatte vage von ihm gehört, war aber eher skeptisch. Ein 32-jähriger muslimischer Sozialist ist nicht gerade das, was man als ideales Profil bezeichnen würde.» Doch, wie Katz immer wieder sagt, gibt es im Trump-Zeitalter keinen «perfekten Kandidaten» mehr. Also trifft er den Ehrgeizigen im Kabab King, einem rund um die Uhr geöffneten Restaurant in Jackson Heights, das Mamdani häufig besucht und mehrfach als Schauplatz seiner Kampagne nutzte. Zwischen dem Duft südasiatischer Küche und dem Lärm des volkstümlichen Queens beschnuppern sich die beiden jungen Wölfe. Liebe auf den ersten Blick: «Er war bemerkenswert intelligent, sehr empathisch. Was mich beeindruckte, war, wie stark ihn die Vorstellung antrieb, was New York werden könnte. Ich dachte mir: Wenn ich dieses Gefühl nach wenigen Minuten habe, kann es auch die ganze Stadt haben.»

Ins eiskalte Wasser springen

Als Mamdani im Oktober 2024 seine Kandidatur lanciert, liegt er bei einem Prozent der Wahlabsichten. Seine politische Zukunft legt er in die Hände von Katz und einem kleinen Beraterteam; Fight selbst wird erst Anfang 2025 gegründet. «Wir haben uns gegenseitig gewählt», sagt Katz. «Die Stadt schien politisch bereit, Feuer zu fangen.» Dass man ihn als graue Eminenz darstellt, amüsiert ihn. Den Begriff Spin Doctor lehnt er ab: zu verbraucht, zu sehr alte Welt, zu sehr mit Täuschung verbunden. «Meine Rolle besteht eher darin, die Wahrheit zu sagen und sie dann so zu präsentieren, dass sie gehört werden und in einer Welt glaubwürdig wirken kann, in der man den Menschen so viele Gründe gegeben hat, dem Gesagten nicht mehr zu vertrauen.»

Er sagt, er stütze sich auf die Persönlichkeit der Kandidaten und verstärke deren Eigenheiten. Mit Mamdani, einer Mischung aus Natürlichkeit und Charisma, hat er leichtes Spiel. «Let Zohran cook» – lasst Zohran sein Ding machen –, wiederholt er gegenüber dem Team nach jedem neuen viralen Auftritt: ob Mamdani mitten in der Nacht mit einer Schale knusprigem Reis in der Hand bei einem Streetfood-Verkäufer über die explodierenden Halal-Preise, die «Halalflation», spricht oder ins eiskalte Wasser von Coney Island springt, um einen Mietstopp zu versprechen. Hinter Witzen und Stunts vor der Kamera steckt die Idee, keine Angst davor zu haben, ebenso pragmatisch wie «ideologisch» zu sein und sich unapologetically progressive zu nennen – links, ohne sich für Radikalität zu entschuldigen.

Diese Lektion, sagt Katz, habe er von einer unerwarteten Figur gelernt: Steve Bannon, dem zerzausten Rasputin von Donald Trumps erster Wahl und heutigen Hüter des MAGA-Tempels mit einem Medienimperium einflussreicher Podcasts. Katz betont eilig, er «verachte die Ideen» dieses schwefligen Vorbilds. Will er sich gerade deshalb als Bannon der Linken verstehen? «Ich bilde mir ein, besser auszusehen als er», schiesst Katz zurück. Sein jugendliches, gepflegtes Gesicht kontrastiert mit den wilden Zügen des siebzigjährigen rechtsextremen Gegenübers.

Steve Bannon hat für sein Lager viel mehr erreicht als ich für meines. — Morris Katz

Doch Katz gibt Bannon, was Bannon gebührt: «Steve Bannon hat für sein Lager viel mehr erreicht als ich für meines. Ich glaube, er hatte recht damit, dass man sich im Kampf gegen oligarchische Macht auf allen Ebenen engagieren muss – von lokalen Wahlen bis zu nationalen Abstimmungen, und einschliesslich der Auseinandersetzung mit den Medien.» Immerhin prahlte der ehemalige Banker damit, den Atem, der Trump an die Macht trug, in den Schriften europäischer linker Populisten gefunden zu haben, etwa bei der belgischen Philosophin Chantal Mouffe. Wo also irrte Bannon? «Er schaffte den ersten Schritt [die Machteroberung], vergass aber den zweiten [die gesellschaftliche Veränderung]. Sobald [die Trumpisten] an der Macht waren, bereicherten sie sich selbst und ihre Geldgeber. In Wahrheit hatten sie keinen Plan, das Leben der Menschen zu verbessern.»

Katz’ Lager dagegen, so die Behauptung, hat einen Plan. Und mit Mamdani eine veritable Galionsfigur, auf die radikale Linke weit über die USA hinaus blicken. Genug, um den Kommunikationsmann dazu zu bringen, seine Botschaft ausserhalb der Vereinigten Staaten zu verbreiten – ähnlich wie sein Anti-Vorbild Bannon, der sich 2018 dem 2017 vom belgischen Politiker Mischaël Modrikamen registrierten Projekt «The Movement» anschloss und daraus ein Netzwerk für Europas extreme Rechte machen wollte, von Marine Le Pen in Frankreich über Viktor Orbán in Ungarn und Giorgia Meloni in Italien bis Geert Wilders in den Niederlanden. «Natürlich interessiert es mich, der europäischen Linken mit allen möglichen Mitteln zu helfen», weicht Katz aus. «Aber ich weiss ehrlich noch nicht, welche Form das annehmen wird.» Revue21 kann allerdings zeigen, dass sich der Prophet des New Yorker Populismus bereits persönlich für mehrere politische Figuren des alten Kontinents engagiert hat.

Für die Arbeiterklasse

In Berlin sagt Liza Pflaum, eine enge Beraterin von Jan van Aken, dem Co-Vorsitzenden der antikapitalistischen Partei Die Linke, sie habe die Erschütterungen des Phänomens Mamdani schon ganz am Anfang gespürt. «Wir haben seinen Wahlkampf sehr früh verfolgt, als es noch extrem unwahrscheinlich war, dass er gewinnen würde», erzählt die Mittdreissigerin mit lockigem Haar in einem Videogespräch. Neugierig recherchiert Pflaum, stösst auf Katz und die Philosophie von Fight. «Normalerweise zeigen Kommunikationsagenturen keine klare politische Farbe …» Das Manifest der Agentur trifft ihre eigenen Fragen – in einer Zeit, in der Die Linke nach ihrem spektakulären Aufstieg Ende der 2000er-Jahre mit einer erstarkenden extremen Rechten ringt. «[Fight] sagte ganz offen, Wahlkämpfe müssten sich auf Massnahmen für die Arbeiterklasse konzentrieren. Ich hatte ohnehin vor, nach New York zu reisen und Mamdanis Kampagne zu studieren. Also schrieb ich Morris eine E-Mail und schlug ein Treffen vor.» Volltreffer.

Wenn du Katz einmal getroffen hast, hörst du seine Stimme in allem, was Zohran Mamdani sagt. — Liza Pflaum, Beraterin des Co-Vorsitzenden der deutschen Linken

Am 28. Oktober 2025 wird im Crocodile reserviert, einem sehr schicken französischen Restaurant in Williamsburg, dem teuersten Viertel Brooklyns. Die billigste Flasche Wein ist ein Touraine-Rotwein für 55 Dollar. «In Deutschland ist es nicht üblich, linke Leute an solchen Orten zu treffen! Das Erste, was ich dachte, war: Oh Gott, hoffentlich können wir das bezahlen!», lacht Liza Pflaum. Zum Glück besteht Morris Katz, der mit zwei Partnern gekommen ist, darauf, die Rechnung zu übernehmen. «Einer meiner ersten Gedanken war, dass er wirklich wie Mamdani spricht», erinnert sich die deutsche Beraterin. «Wenn du ihn einmal getroffen hast, hörst du seine Stimme in allem, was Zohran sagt.» Bevor Katz gegen Mitternacht zu seinem Kandidaten aufbricht, löchert Pflaum den Strategen mit Fragen. Entgegen der zuvor beschriebenen kompromisslos progressiven Doktrin verrät Katz ihr, «dass sie sich in ihrer Werbung nicht nur auf linke Wähler konzentrierten. Sie achteten darauf, Wörter zu verwenden, die nicht zu ‹parteiisch› klingen und auch Trump-Wähler erreichen könnten.»

Der Rat bestätigt eine Intuition bei Die Linke: «Seit zwei Jahren versuchen wir, die Arbeiterklasse zu erreichen – Menschen, die zur extremen Rechten tendieren könnten, aber noch nicht gekippt sind», sagt Pflaum. «Ich habe den Eindruck, Katz und Mamdani haben das geschafft. Morris sagte uns, das Wichtigste sei ihr Programm gewesen, aufgebaut um drei zentrale Massnahmen: Mietstopp, kostenlose Kinderbetreuung und kostenlose Busse. Themen, die die ärmsten Bewohner direkt ansprachen.» Am stärksten geblieben ist ihr jedoch Katz’ Credo der message discipline, der Kommunikationsdisziplin: dieselben wenigen Ideen so rigoros wie möglich wiederholen. «Alles, was veröffentlicht wird – Medienmitteilung, Social-Post, Erklärung … – muss die drei Kernbotschaften des Programms aufgreifen. Sonst geht es unter.»

Feministisch und antikolonial

Anfang 2026 überquert der Stratege den Atlantik. Die Einladung kommt vom European Center for Digital Action, einer in Brüssel ansässigen Organisation, die «progressiven Bewegungen helfen will, Kampagnen aufzubauen, die von der Bevölkerung getragen werden», wie die Serbin Vesna Jusup, die operative Leiterin, erklärt. An einem kalten Mittwoch präsentiert Katz seine Methode in den Büros der European Left Alliance for the People and the Planet (ELA), die im Europäischen Parlament unter anderem La France insoumise (LFI), Podemos, Sinistra Italiana und den Bloco de Esquerda zusammenbringt.

Für Letzteren, eine «feministische, antirassistische und antikoloniale» Partei, trat die Europaabgeordnete Catarina Martins erfolglos zur portugiesischen Präsidentschaftswahl an. Am 28. Januar 2026 empfängt sie Morris Katz jedoch als Co-Vorsitzende der ELA – bereits überzeugt vom Konzept der message discipline. «Wir leben in einer Zeit beispielloser Vermögenskonzentration», sagt sie in roter Jacke in einem Zoom-Gespräch. «Um dieses System aufrechtzuerhalten, entfacht die extreme Rechte Kulturkämpfe, die ablenken sollen. Deshalb müssen wir bei unseren Botschaften diszipliniert sein. Nur so hören uns die Menschen, wenn wir über Kaufkraft oder Löhne sprechen, selbst wenn die extreme Rechte über alles reden will ausser darüber.»

Es gibt ein Paradox: Die sehr breite Unterstützung für unsere Forderungen schlägt sich nicht zwingend in Wahlergebnissen nieder. — Manon Aubry, Europaabgeordnete von LFI

Das ist Katz’ grosse Theorie: Das Kernproblem der Linken liege nicht in ihren Ideen, sondern in deren Vermittlung. «Das Leben der Menschen wird immer schwieriger, doch politische Sprache wirkt viel zu oft von dieser Realität abgekoppelt», sagt er. «Wir müssen eine Geschichte erzählen, die erklärt, warum diese Schwierigkeiten existieren – und wer dafür verantwortlich ist.» Die LFI-Europaabgeordnete Manon Aubry, Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Europäischen Parlament, war während Mamdanis Kampagne in New York und sitzt Ende Januar ebenfalls in der Runde der «Schwesterparteien» bei Katz’ Brüsseler Masterclass. «Er hat vollkommen recht. Es gibt eine Art Paradox: Die sehr breite Unterstützung für unsere Forderungen schlägt sich nicht zwingend in Wahlergebnissen nieder. Nehmen Sie die Anhebung des Mindestlohns, die Rente mit 60 oder die Besteuerung von Milliardären, für die LFI eintritt. Dafür sind nicht 50 Prozent der Öffentlichkeit – eher 70 oder 80 Prozent.»

Im Nachtclub

Was also ist jenseits der «Disziplin» die geheime Formel? Ein modernerer, entspannterer Umgang mit sozialen Netzwerken, wie die Mainstream-Medien immer wieder behaupteten? Katz wird wortkarg. «Wir kommunizieren so, dass wir echte Menschen erreichen. Das ist alles.» Eine Vereinbarung hindert ihn daran, die «genauen Einzelheiten» seines Brüsseler Einsatzes offenzulegen. Manon Aubry zeichnet dennoch eine berechnendere Methode nach: Katz habe darauf bestanden, «dort zu sein, wo die New Yorker sind».

Während des Wahlkampfs ging Mamdani deshalb in Nachtclubs und schüttelte den Taxifahrern am Flughafen La Guardia die Hände. Seit seiner Wahl sah man ihn courtside bei Spielen der Knicks – die 2026 erstmals seit 1973 wieder die NBA-Meisterschaft gewannen – oder beim Gebet zum Eid-Fest in einem Qamis in den Farben des Fussballclubs Arsenal. In seiner mit «Mayor» individualisierten Carhartt-Jacke oder im eleganten Slim-Fit-Anzug ist Mamdani überall, als teleportiere er sich auf jeden Gehsteig, in jede Pizzeria und jede Bodega, immer in Reichweite der Smartphones seiner Einwohner und oft mit vollem Mund.

Auch wenn diese visuelle Grammatik sehr amerikanisch wirkt, sieht Katz darin nichts, was sich nicht nach Europa übersetzen liesse. «So talentiert Zohran ist: Vor allem hat er einen tiefen Wunsch nach Veränderung erfasst. Das hat Bannon vor allen anderen verstanden: In der gesamten Wählerschaft liegt ein gewaltiger Berg an Wut. Auch in Europa muss man begreifen, wie unbeliebt der Status quo ist und wie gross diese Wut ist. Deshalb braucht es Kandidaten, die nicht nur über Veränderung sprechen, sondern sie körperlich verkörpern können.»

Als Bally Bagayoko seine Kommunikation beim Basketballspielen machte, war das genau die Art von Sache, die Mamdani tut. — Manon Aubry

Für Frankreich nennt Manon Aubry einen Namen, der zu diesem «Katzismus» passe: Bally Bagayoko von LFI, im März 2026 zum Bürgermeister von Saint-Denis gewählt. «Wir haben ihre Kampagne nicht direkt kopiert. Aber als Bally Kommunikation machte, während er Basketball spielte, war das genau die Art von Sache, die Mamdani tut. Es geht darum, das Bild des ‹Standardpolitikers› zu brechen. Die grosse soziale Vielfalt unserer Kandidaten konnte das bei den Kommunalwahlen tragen. Und das war eine der Sachen, die Katz am häufigsten wiederholte – zu Recht: Die Leute wollen nicht noch einen weiteren ‹Politiker›. Sie wollen, dass die Menschen, die sie vertreten, eine Form von Authentizität ausstrahlen. Umso besser, wenn Gegenfiguren entstehen. Die Linke ist nicht da, um die Ankunft eines white savior, eines ‹weissen Retters›, zu versprechen, der das Land vom absoluten Bösen von aussen erlöst. Auch das muss sich in unserer Kommunikation spiegeln.»

Auf Tour wie ein Rockstar

Morris Katz selbst betont, wie wichtig es sei, «das eigene Bild anzunehmen, statt etwas anderes sein zu wollen». Das empfahl er etwa Rowenna Davis, die im Mai 2026 für Labour als Bürgermeisterin von Croydon, einem Vorort im Süden Londons, kandidierte. «Er sagte mir, es sei wichtig zu betonen, dass ich Sekundarschullehrerin bin», erzählt die frühere politische Journalistin. «Dass ich Mutter von zwei Kindern bin, die in Croydon geboren wurden. Dass ich eine Identität in den Vordergrund stellen sollte, die über jene einer Politikerin hinausgeht.» Ihr letzter Flyer präsentierte sie entsprechend in drei Wörtern: «Mum. Teacher. Mayor.» Trotz ihrer Niederlage lächelt Rowenna Davis bei der Erinnerung: «Wir verwendeten kräftige Farben wie in Mamdanis Kampagne. Die Mitte-links, die ich vertrete, neigt sonst dazu, ziemlich trocken und technokratisch zu sein …»

Diese massgeschneiderten Ratschläge erhielt Rowenna Davis in einem Videoanruf am 6. Februar 2026. Am Abend zuvor hatte sie Katz in einem Restaurant im Zentrum Londons getroffen, dessen Untergeschoss für etwa zwanzig Labour-Abgeordnete, Politikerinnen und Kommunikationsleute reserviert war. Bei Käse, Garnelen und Padrón-Paprika erklärte der New Yorker, «man dürfe keine Angst davor haben, sich vollständig von der eigenen Partei abzuheben», erinnert sich Davis. «Er sagte auch, man müsse Risiken eingehen. Wir messen immer das Risiko des Handelns, aber nie das Risiko, nichts zu tun.»

Während dessen, was Rowenna Davis als echte «Tour» im Rockstar-Stil beschreibt, traf Katz auch den temperamentvollen Green-Party-Chef Zack Polanski. Der frühere Schauspieler, im September 2025 an die Spitze der britischen Grünen gewählt und Verfechter eines selbstbewussten «Ökopopulismus», liess die Mitgliederzahl seiner Partei innert Monaten stark wachsen. Auch er macht Wahlkampf in Nachtclubs und flutet soziale Netzwerke mit Videos, deren Stil an Mamdani erinnert, mit dem er sich gern öffentlich vergleicht. Katz verrät uns das Ausmass seines europäischen Netzwerks nicht. Bekannt ist aber, dass er am Tag vor seinem Auftritt im Januar in Brüssel in Berlin war. Am späten Vormittag sprach er dort mit Elif Eralp, Kandidatin von Die Linke für die Wahl in der deutschen Hauptstadt am 20. September 2026. Die Mittvierzigerin, Tochter türkischer politischer Aktivisten, trägt einen Anhänger mit der Aufschrift «Mietendeckel» und will «das Wunder von New York» wiederholen. Die jüngsten Umfragen ergeben allerdings kein Bild einer klaren Führung: In der am 2. September veröffentlichten Infratest-dimap-Erhebung lag Die Linke bei 19 Prozent hinter der CDU mit 21 Prozent; bei der Frage nach der bevorzugten Regierenden Bürgermeisterin beziehungsweise dem bevorzugten Regierenden Bürgermeister lagen Eralp und CDU-Kandidat Stefan Evers mit je 13 Prozent gleichauf.

«Das Treffen fand diesmal in unseren Büros statt – nicht ganz so schick [wie das New Yorker Restaurant]», scherzt Liza Pflaum, Kommunikationsfrau der deutschen Linkspartei. Auf die Frage, ob Katz’ rastlose Aktivität ihn zum künftigen Bannon der Weltlinken mache, reagiert die Dreissigerin begeistert: «Ich hoffe es! Seit einem Jahrzehnt hat die Rechte Leute, die sehr genau verstehen, wie Medien und Kommunikation funktionieren. Morris’ Ziele und Bannons Ziele sind völlig verschieden, aber ihre Strategien haben unverkennbar Ähnlichkeiten.» Manon Aubry stimmt zu: «Wir dürfen die Kunst politischer Kommunikation nicht der extremen Rechten überlassen.»

Der Kampf gegen die Oligarchie findet nicht nur in den Vereinigten Staaten statt. Deshalb müssen wir uns weltweit zusammenschliessen. — Morris Katz

Seine Reisen nach Europa erklärt Morris Katz mit der festen Überzeugung, «dass der Kampf gegen die Oligarchie nicht nur in den Vereinigten Staaten stattfindet. An vielen Orten wird dieselbe Geschichte geschrieben: Big Tech und die Milliardärsklasse haben sich international gegen Arbeiter und Mittelschicht organisiert. Deshalb müssen wir uns weltweit zusammenschliessen und kämpfen.»

Dafür darf der Katz-Hype allerdings nicht zu schnell in sich zusammenfallen. In diesem Sommer musste das Wunderkind seinen schwersten Rückschlag hinnehmen: das Fiasko um die Kandidatur von Graham Platner. Der ehemalige Marine mit dichtem Schnurrbart, nach Einsätzen im Irak und in Afghanistan zum Austernzüchter geworden, war von Katz zum künftigen demokratischen Senator aus Maine aufgebaut worden – als Prototyp jener «echten Menschen, die kein perfektes Leben hatten». Solche Neulinge sollten demokratische Parteibarone stürzen und das elitäre Gesicht der Partei verändern. Platner war zweifellos charismatisch. Dann kamen alte, anstössige Online-Beiträge und ein Tattoo ans Licht, das mit nationalsozialistischer Symbolik in Verbindung gebracht wurde. Im Juli beschuldigte ihn zudem eine frühere Freundin eines sexuellen Übergriffs; Platner bestreitet den Vorwurf und zog seine Kandidatur zurück.

Anfang Juli 2026 forderten Mitglieder der Democratic Socialists of America in einem offenen Brief DSA-Kandidaten und gewählte Amtsträger dazu auf, nicht länger mit Katz oder seiner Firma Fight zusammenzuarbeiten. Der Brief machte Katz für die gescheiterte Platner-Kampagne mitverantwortlich. Diese Entwicklungen fanden nach unserem Treffen mit dem Spin Doctor statt; auf spätere Anfragen zu der Affäre reagierte er nicht. «Ich werde weiter mit Morris Katz arbeiten, der einer meiner wichtigsten Berater bleibt», erklärte Mamdani vor der Presse ohne Zögern und stellte sich hinter seinen Berater. Gegenüber der New York Times räumte Katz schliesslich ein, «dass ein grosser Teil der Kritik und der Wut [über seine Rolle in der Platner-Affäre] absolut gerechtfertigt ist».

Ein Saal ausser sich

Zwei Monate zuvor, am Tag nach unserem Interview, hatte er uns im volkstümlichen Flatbush in Brooklyn zu einem Treffen in freier Wildbahn eingeladen. Mamdani veranstaltete dort mit Bernie Sanders, dem unverwüstlichen Senator aus Vermont, eine grosse Kundgebung zur Unterstützung «progressiver» Kandidaten einer «anderen Linken» für den Kongress vor den Midterms. In der Menge umarmt Katz einen nach dem anderen – vom Händedruck bis zum kräftigen hug –, ein Knicks-T-Shirt unter dem Sakko. Auf seinen blonden Locken trägt er eine neue Kappe mit einem Fanspruch zu Ehren der Knicks und Mamdani: «My Mayor Muslim, My Bagel Jewish, My Christian Dior, Knicks in Four» – «Mein Bürgermeister muslimisch, mein Bagel jüdisch, mein Christian Dior, die Knicks gewinnen in vier Spielen».

Als Mamdani ans Mikrofon tritt und sein «populistisches und populäres» Programm feiert, eine Bewegung, die «nicht für eine einzige Wahl entstanden ist und auch anderswo gewinnen kann», saugt Morris Katz am Fuss der Bühne die Worte seines Schützlings auf – Worte, die auch seine eigenen sind. Der Berater steht mit verschränkten Armen da, konzentriert, während der Saal ausser sich gerät. Am Vortag hatte er uns halb lachend anvertraut, dass er um nichts in der Welt selbst die Rolle des Tribuns spielen wolle. «Nie! Dafür habe ich nicht den Mut!» Er ziehe den Schatten vor, passend zu seiner «ständigen Angst» eines politischen Mönch-Soldaten: «Ich schlafe nicht, ich sehe meine Freunde und meine Familie kaum … Ich würde das alles nicht tun, wenn es nicht darum ginge, echte und dauerhafte Veränderung zu bewirken.» Vorausgesetzt, er hält lange genug durch.